1) Das Dao war vor Gott vs. Gott war vor dem Dao
Die östliche Zivilisation des Dao sagt, das Dao sei vor Gott gewesen: „Das Dao hat die Geister göttlich gemacht und den Höchsten Herrscher göttlich“ (Zhuangzi, Innere Kapitel). Der Gottesbegriff wurde von den Menschen geschaffen, die in der Natur leben. Die Natur ist das Dao.29 Natur (自然, ziran) bedeutet „das, was von selbst so ist“. Die Natur ist unendlich und ewig.
Die Natur ist unendlich und ewig. Warum ist die Natur unendlich und ewig? Weil die Natur keinen Zweck hat und nichts begehrt. (Daodejing 7)
Der griechische Philosoph Heraklit hatte dieselbe Kosmologie wie die Philosophie des Dao. Er erklärte, das Universum, der Kosmos, habe vor Gott bestanden.
Das Universum, der Kosmos, ist ewig; weder ein Gott noch ein Mensch hat ihn gemacht; er war immer, ist und wird sein.30
Philosophen wie Bacon (1561–1626) waren von der Natur fasziniert. In den tausend Jahren des Mittelalters war im Westen jedes Denken und jede Philosophie verboten, die nicht Gott zur Mitte nahm. Unter diesem Einfluss konnte Bacon nur vorsichtig sein. Ohne Gott und Natur zu verknüpfen, betont er die Bedeutung der Natur in den stärksten Worten.
Der Mensch ist der Knecht der Natur: Er deutet sie nur aus. Der menschliche Verstand entsteht allein aus dem Nachdenken über die Natur und der Beobachtung ihrer Wahrheit. Darüber hinaus kann der Mensch nichts wissen und nichts tun.31
Nach Bacon findet die Bedeutung der Natur ihren entscheidenden Ausdruck bei dem Philosophen Spinoza (1632–1677). Spinoza sah Gott als die Natur. Da die mittelalterliche Philosophie des Westens auf Gott ausgerichtet war, erklärt Spinoza Gott im Licht der Natur. Indem er Gott und Natur verknüpft, stellt er die Natur in die Mitte seiner Philosophie.
Die Natur handelt nicht um eines Zweckes willen. Jenes ewige Wesen, das wir Gott oder die Natur nennen, handelt mit derselben Notwendigkeit, mit der es existiert … Die Natur existiert um keines Zweckes willen; ebenso verhält es sich mit ihrem Handeln. So wenig wie ihr Dasein hat ihr Handeln einen Anfang oder einen Zweck.32
Die Offenbarungsreligionen des Westens machen den „Anfang“ zum Kern des Universums. Der Begriff des Anfangs schließt natürlich die Teleologie ein. Bertrand Russell hat es so gesagt: Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Welt einen Anfang gehabt hat; die Vorstellung, die Welt müsse einen Anfang haben, rührt in Wahrheit von der Armut unserer Einbildungskraft her. Er vertrat eine naturphilosophische Lehre ähnlich der des Daodejing: „Die Natur hat keinen Zweck.“
Die Natur hat keinen eigenen Zweck … Ein letzter Zweck ist nur ein Geschöpf der menschlichen Einbildungskraft. 33
Diese Sicht des Dao im Osten wie die Heraklits, Bacons, Spinozas und Russells im Westen lassen sich alle als eine auf die Natur gerichtete Naturphilosophie beschreiben. Eine andere Vorstellung vom Universum entfaltet sich im Westen, so wie die Offenbarungsreligionen sie vertreten. Da Gott die Natur erschaffen hat, sagt man im Westen, Gott sei vor der Natur gewesen. Da Gott Himmel und Erde erschaffen hat, gab es vor seiner Schöpfung keine Natur. Die Erde, die Gott erschaffen hat, ist der Mittelpunkt des Universums, und der Mensch steht in ihrer Mitte. Das erste Buch Mose enthält den Bericht, wie Gott aus dem Nichts (無) Himmel und Erde, die Natur und den Menschen erschafft und so in die Welt des Seins (有) eintritt.
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. (1. Mose 1,1)
Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. (1. Mose 1,2–5)
Nach der Bibel erschafft Gott das Universum in sechs Tagen, in folgender Ordnung. Am ersten Tag das Licht. Am zweiten Tag den Himmel. Am dritten Tag das Meer, das feste Land und die Pflanzen. Am vierten Tag Sonne, Mond und Sterne. Am fünften Tag die Fische und die Vögel. Am sechsten Tag die Landtiere und den Menschen (der Mensch wurde nach dem Bild Gottes gemacht). Und am siebten Tag ruht er. So geht die Welt von der Unordnung zur Ordnung über, vom Chaos zu einer geordneten Welt. Diese Schöpfung vollzieht sich durch das „Wort“ Gottes.
Auch China hat einen Mythos von der Erschaffung von Himmel und Erde. Ein Wesen namens Pangu (盤古) spaltete das Chaos mit einer riesigen Axt und trennte den Himmel von der Erde. Achtzehntausend Jahre lang stützte er den Himmel, wuchs und starb dann, und sein Körper verwandelte sich in Natur. 34 Seine Augen wurden zu Sonne und Mond, sein Atem zu Wind und Wolken, seine Stimme zum Donner, sein Blut zu Flüssen und Meeren, seine Knochen zu Gebirgen, sein Haar zu Gräsern und Bäumen, sein Schweiß zum Regen und seine Flöhe zu den Tieren und Menschen.
Am Anfang war ein Gott namens Pangu … Als für ihn die Stunde des Todes kam, verwandelte sich sein Körper in Natur … Sein Haupt- und Körperhaar wurde zu Gräsern und Bäumen, seine Augen wurden zu Sonne und Mond … Die Flöhe, die auf seinem Körper lebten, wurden zu den vielen Tieren und den vielen Menschenrassen der Erde.35
Der Gedanke, dass der Körper Gottes zu den verschiedenen Teilen der Natur wurde, findet sich unverändert in einem der Hauptbegriffe der jüdischen Philosophie der Kabbala (Kabbalah), die Spinoza beeinflusste: dem kabbalistischen Begriff der Zusammenziehung, dem Zimzum (Tzimtzum).36 Er besagt, dass „Gott seine eigene Unendlichkeit zusammenzieht, um die Welt zu erschaffen“, ein Schöpfungsbegriff, der dem Mythos von Pangu sehr nahekommt. (In dieser Linie gelangt Spinoza zu dem Schluss, dass „Gott und die Natur ein und dasselbe sind“.)
Nach diesem Mythos wurde Pangu vor 18 000 Jahren zur Natur. Wann erschuf der Gott der Genesis die Natur? Anders als der Mythos von Pangu hält die westliche Zivilisation, eine Zivilisation der Schöpfung, genau fest, wie Gott das Universum erschuf. Die westlichen Philosophen glaubten jahrtausendelang daran, und bis vor Kurzem berechneten sie das „Datum“ der Erschaffung der Natur. Nach den sechs Schöpfungstagen lebte der erste Mensch, Adam, 930 Jahre, und die Lebensdauer jedes seiner Nachkommen ist verzeichnet (1. Mose 5). Auch die Evangelien des Neuen Testaments verzeichnen genau den Stammbaum von Abraham bis Jesus (Matthäus 1,1–17).
Dem biblischen Bericht folgend berechneten die westlichen Philosophen die Daten von der Erschaffung von Himmel und Erde bis zur Geburt Jesu. Nach diesen Berechnungen fand die Schöpfung um 4000 v. Chr. statt. Die Berechnungen wurden fortgesetzt, und schon im frühen Mittelalter schlug man sogar ein genaues Datum vor. Im Westen setzten verschiedene Philosophen die Berechnung des Schöpfungsdatums bis ins 17. Jahrhundert fort. Diese Denkweise verschwand mit dem Deismus (理神論, Deism) der Aufklärung und dem Fortschritt der Wissenschaften. Der Deismus behauptet, der transzendente Gott greife, nachdem er die Natur erschaffen hat, nicht mehr in die menschlichen Angelegenheiten ein.37 Der Deismus leugnet die Propheten und die Wunder des Theismus, unterscheidet sich aber nicht vom Theismus darin, dass er Gott für den Schöpfer der Natur hält.
In ihren Antworten auf die Frage, wer zuerst war, das Dao oder Gott, gelangten Ost und West zu verschiedenen Kosmologien. Von da aus gelangten sie zu verschiedenen Zivilisationsstrukturen. Diese Frage hängt unmittelbar mit der Deutung der Naturerscheinungen zusammen, mit der Art, wie der Mensch das Universum erklärt. Es geht um das heliozentrische und das geozentrische Weltbild.
Das geozentrische Weltbild der Offenbarungsreligion vs. das heliozentrische Weltbild der Naturphilosophie
Das Daodejing berichtet, dass „die Natur und das Universum vor Gott waren“ (Daodejing, Kapitel 4 und 25). Im Westen dagegen steht geschrieben: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, mit anderen Worten, Gott war vor der Natur und dem Universum (1. Mose 1,1). Hier entsteht zwischen Ost und West ein Unterschied in der Antwort auf die Frage: Wer ist der Mensch? Kosmologisch beruht der westliche Schöpfungsglaube auf dem geozentrischen Weltbild, der Vorstellung, dass die Erde, auf der der Mensch lebt, der Mittelpunkt des Universums ist. Mit anderen Worten: Das geozentrische Weltbild ist dem Schöpfungsglauben eingeschrieben. Die Naturphilosophie des Ostens dagegen nimmt an, dass das Universum die Mitte ist und der Mensch nur ein Teil davon.
Unter dem Einfluss der Kirche wurden die westlichen Menschen gelehrt, diese Schöpfungsberichte so, wie sie sind, zu glauben, ohne den Schatten eines Zweifels an einem einzigen Buchstaben. Darum glaubten fast alle westlichen Menschen bis zur Aufklärung, Ende des 17. Jahrhunderts, fest an die Schöpfung. Und dieser Schöpfungsglaube gründet auf der Annahme, Gott habe die Natur gemacht, damit der Mensch nach Belieben über sie herrsche. Die westlichen Menschen hielten sich für Wesen, „nach dem Bilde Gottes geschaffen, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht, und über die ganze Erde“. Das geozentrische Weltbild (天動說) der Offenbarungsreligion glaubte, die Erde und der Mensch seien der Mittelpunkt der Welt und das Universum kreise um die Erde. So konnte man wie Josua zu Gott beten, die Sonne anzuhalten:
Und sprach vor dem gegenwärtigen Israel: Sonne, stehe still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon! Da stand die Sonne und der Mond still, bis daß sich das Volk an seinen Feinden rächte … Also stand die Sonne mitten am Himmel und verzog unterzugehen beinahe einen ganzen Tag. Und war kein Tag diesem gleich, weder zuvor noch danach, da der HERR der Stimme eines Mannes gehorchte. (Josua 10,12–14)
Bis ins 16. Jahrhundert vertraten die westlichen Menschen das geozentrische Weltbild des Aristoteles und des Ptolemäus und meinten, die Erde sei der Mittelpunkt der Welt, sie sei flach und die Himmelskörper schwebten über ihr. Diese Annahme stimmte mit der Schöpfungsbeschreibung im ersten Buch Mose überein. Nach dem Schöpfungsglauben gab Gott dem Menschen bei seiner Erschaffung einen Zweck. Im westlichen Schöpfungsglauben steht der Mensch, da Gott ihm die Macht gegeben hat, über die Natur zu herrschen, im Mittelpunkt des Universums. Er wird mit einem klar bestimmten Zweck geboren: über die Natur zu herrschen und Gott anzubeten. Darum lebten die Griechen und Römer und die westlichen Menschen des Mittelalters in der festen Überzeugung, der Mittelpunkt des Universums zu sein.
Für Griechen und Römer spielte die Seefahrt eine wichtige Rolle für die Vorstellung, der Mensch sei der Mittelpunkt des Universums. Seefahrt ist nur möglich, wenn man die Bewegungen der Himmelskörper beobachtet. Man suchte sich das Universum so vorzustellen, dass die Erde, und mit ihr der Mensch, genau in seiner Mitte liegt und die Himmelskörper sich um die Erde bewegen. Das war die „erdzentrierte Vorstellung vom Universum“, das geozentrische Weltbild, das die Bibel, Aristoteles und andere vertraten. Das geozentrische Weltbild, an das damals die meisten westlichen Menschen glaubten, hielt die Erde für flach und meinte, die Sonne und alle Himmelskörper schwebten am Himmel über ihr.
Dieses geozentrische Weltbild wurde von denen in Frage gestellt, die den Himmel beobachteten und die Natur erforschten: Es war das Aufkommen des heliozentrischen Weltbildes. Im Westen erlebte die Fähigkeit der Menschheit, das Verhältnis von Natur und Mensch zu denken, beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit einen entscheidenden Wandel. Denn es bot sich ein Anlass, das Verhältnis von Mensch und Natur von Grund auf neu zu bestimmen. Der Übergang vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild vollzog sich. Das Wunder Josuas, der die Sonne am Himmel anhielt, wurde im 16. und 17. Jahrhundert in Frage gestellt. Die „sonnenzentrierte Vorstellung vom Universum“, das heliozentrische Weltbild (地動說), wurde auf der Grundlage der wissenschaftlichen Tatsachen vorgebracht, die die Himmelsbeobachtungen von Kopernikus (1473–1543), Kepler (1571–1630) und Galilei (1564–1642) ergeben hatten. Sie behaupteten, die Erde sei nicht der Mittelpunkt des Universums, sondern kreise um die Sonne.
Auch die wissenschaftlichen Tatsachen, die sie vorbrachten, wurden lange unter dem Einfluss einer Religion bestritten, die das geozentrische Weltbild vertrat. Es fiel dem wissenschaftlichen Fortschritt nicht leicht, ein philosophisches System umzustürzen, das tief in der westlichen Geschichte verwurzelt war. Selbst nachdem sich das heliozentrische Weltbild unter den westlichen Gebildeten weit verbreitet hatte, vertrat Luther, die Speerspitze der Reformation, gestützt auf die Autorität der Schrift, weiterhin das geozentrische. Martin Luther wandte sich heftig gegen das heliozentrische Weltbild des Kopernikus:
Kopernikus ist ein emporgekommener Sterndeuter. Der Narr will die ganze Kunst Astronomiae umkehren. Aber die Heilige Schrift lehrt uns, dass Josua die Sonne stillstehen hieß und nicht das Erdreich. 38
Das heliozentrische Weltbild verneinte die „erdzentrierte Vorstellung vom Universum“, die dem biblischen Dogma eingeschrieben war, Gott habe die Erde und den Menschen eigens erschaffen. Es war ein gewaltiges Ereignis, das das geozentrische Weltbild der Bibel erschütterte; ein Umsturz von kosmischem Ausmaß, der die Unfehlbarkeit (無謬性) der Bibel und der Kirche, nach der sie sich nie geirrt hätten, und ihre Irrtumslosigkeit (無誤性), nach der sie sich nicht irren könnten, als falsch entlarvte.
Die römische Kurie unterdrückte das Ergebnis ihrer Beobachtungen, nach denen sich die Erde um die Sonne bewegt, mit aller Macht. Denn nach dem geozentrischen Weltbild hatte Gott die Sonne angehalten; nach ihrem heliozentrischen aber stand die Sonne still, und man hätte die Drehung der Erde anhalten müssen. Das war damals eine Frage, die ernst genug war, den Himmel auf den Kopf zu stellen. Die westlichen Menschen glaubten alle fest an die Irrtumslosigkeit der Schrift, und jede Behauptung, die ihr widersprach, fiel sogleich der Inquisition anheim. Wäre die Irrtumslosigkeit der Schrift auf der Grundlage von Tatsachen bestritten worden, die die wissenschaftliche Beobachtung festgestellt hatte, und wäre auch nur an einer Stelle ein Irrtum zugegeben worden, so hätte sich die Bresche geöffnet wie ein brechender Deich, und der Grundsatz der Irrtumslosigkeit wäre zerborsten. Erst nach langem Kampf konnte sich das heliozentrische Weltbild mit Mühe als Tatsache durchsetzen. Das heliozentrische Weltbild, das sie über die Bewegung der Himmelskörper vertraten, kam nicht aus dem Dogma der Offenbarungsreligion, sondern aus der Beobachtung der Natur.
Das heliozentrische Weltbild war gegenüber dem geozentrischen schon im 3. Jahrhundert v. Chr. vorgeschlagen worden, blieb aber fast zweitausend Jahre in der Geschichte verschüttet, sein Dasein selbst unbekannt, und wurde erst in der Renaissance wiederentdeckt. Im Westen trieb man im 3. Jahrhundert v. Chr. in Alexandria, damals dem Mittelpunkt der westlichen Welt, eifrig Geometrie und Himmelsbeobachtung. Aristarch (um 310–230 v. Chr.) berechnete auf wirklichkeitsnahe Weise die Entfernung von der Erde zum Mond und von der Erde zur Sonne. Er behauptete, Mond und Sonne erschienen dem bloßen Auge zwar gleich groß, die Sonne aber sei, weil sie fern ist, mehr als zwanzigmal größer als der Mond. Eratosthenes (um 276–195 v. Chr.) maß schon im 3. Jahrhundert v. Chr. den Erdumfang nahezu genau. Er wusste, dass die Erde rund ist, und war auch der Gelehrte, der den Schalttag erfand. So schlugen sie als Erste in der Geschichte der Menschheit das heliozentrische Weltbild vor. Doch ihr heliozentrisches Weltbild wurde von den Philosophen ihrer Zeit, die fest an das geozentrische glaubten, als ketzerisch verurteilt.
Dieser Unterschied zwischen geozentrischem und heliozentrischem Weltbild enthielt einen grundlegenden Paradigmenwechsel, der alles verwandeln konnte: die menschliche Vorstellung vom Universum, das Verhältnis von Mensch und Natur, den Platz des Menschen im Universum, den Zweck des Lebens. Doch das heliozentrische Weltbild Aristarchs und des Eratosthenes war den Bedürfnissen seiner Zeit zu weit voraus. Von der Geltung des geozentrischen Weltbildes zurückgedrängt, musste das heliozentrische etwa zweitausend Jahre warten: bis Kolumbus 1492 den Atlantik überquerte und Amerika erreichte, Vasco da Gama 1497 über den Indischen Ozean den Osten erreichte und Magellan und Elcano zwischen 1519 und 1522 über den Atlantik und den Pazifik die Erde umrundeten.
Diese Geschichte des geozentrischen und des heliozentrischen Weltbildes sagt viel über die „Relevanz“ einer Wahrheit oder eines Paradigmas: Eine Wahrheit hat keine Relevanz, solange das menschliche Handeln ihre Notwendigkeit nicht hervortreten lässt. Die Philosophie bildet davon keine Ausnahme. Solange die Geschichte die Menschen nicht das Bedürfnis nach einer Philosophie spüren lässt, hat diese keine Relevanz, ob sie der Wahrheit entspricht oder nicht.
Das heliozentrische Weltbild, das die Seeexpeditionen zu einer praktischen Notwendigkeit gemacht hatten, wurde nach und nach als Tatsache anerkannt, als Kopernikus, Kepler, Galilei und andere ihre Beobachtungen veröffentlichten, nach denen sich die Erde um die Sonne bewegt. Das heliozentrische Weltbild löste einen Paradigmenwechsel im gesamten menschlichen Denken aus, seine Vorstellung vom Universum eingeschlossen. Wie weit ist das Universum? Hat das Universum einen Zweck? Woher kommt es? Wie bewegt es sich? Wohin geht es? Über diese kosmischen Fragen wissen wir nichts.39
Die Frage des geozentrischen und des heliozentrischen Weltbildes stellte nur die Erschaffung der Erde, also der Natur, in Frage; die Erschaffung des Menschen kam unbehelligt davon. Doch diese Lage wurde im 19. Jahrhundert erneut in Frage gestellt, durch die Evolutionstheorie Darwins. Darwin zeigte auf wissenschaftlicher Grundlage, dass der Mensch nicht, wie die Bibel beschreibt, von Gott aus Lehm geformt worden war, sondern durch Evolution aus anderen Tieren hervorgegangen ist. Der Kern des menschenzentrierten Schöpfungsglaubens und der Kosmologie, die die Bibel darlegt, wurde so ein weiteres Mal in Frage gestellt.
2) Das Dao ist die Natur vs. Gott ist übernatürlich
Das Dao ist das Gesetz der Natur; Gott ist ein übernatürliches Wesen. Das Dao nimmt die Natur zum Vorbild (道法自然): Es drückt die Natur aus. Das Dao ist die Natur. Verglichen mit den „Offenbarungsreligionen“, die übernatürliche Wunder anerkennen, ist das Dao, das die östliche Zivilisation lenkt, eine „Naturphilosophie“, die die Natur ausdrückt. Das Dao, das Gesetz der Natur, denkt an kein Wesen, das die Gesetze der Natur und des Universums überstiege. Natürlich entsteht keine übernatürliche Religion in einer östlichen Zivilisation, die sich auf die Naturphilosophie stützt.40 Noch heute machen in den Ländern Ostasiens, Korea ausgenommen, diejenigen, die an eine Offenbarungsreligion glauben, das Christentum eingeschlossen, nur 2 bis 3 % der Bevölkerung aus.
Das Daodejing enthält keine Erwähnung und keine Analyse eines übernatürlichen Gottes. Es gibt nur die Beschreibung der Natur. Es gibt weder Propheten noch Gesetz. Laozi ist kein Prophet. Mose dagegen ist ein Prophet. Nach den fünf Büchern Mose nennt der Gott des Westens, den Bitten des Mose nachgebend, ihm seinen Namen, wirkt Wunder, spricht mit ihm von Angesicht zu Angesicht, zeigt ihm auf dem Berg Sinai einen Teil seiner Gestalt, stellt sich als Gott der Gerechtigkeit, des Zorns, der Eifersucht vor und schreibt mit eigenem Finger die Zehn Gebote auf Stein, um sie Mose zu übergeben. All das sind Zeichen dafür, dass Gott in die menschlichen Angelegenheiten eingreift. Der Prophet wird zum Vertreter Gottes; er bildet schließlich einen Priesterstand und stellt sich an seine Spitze. Eine Offenbarungsreligion entsteht. Nachfolger treten auf. Der Nachfolger des Mose ist Josua, der Gott um das Wunder bittet, die Sonne anzuhalten, und es erhält. So kann er den Krieg gewinnen und das verheißene Land einnehmen.
Das Bild des Gottes des Westens verdichtet sich in dem Ereignis, in dem Mose auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote empfängt und Gott und Mensch einen Bund schließen. Einer der Unterschiede zwischen dem Gott des Westens und dem Dao des Ostens ist, dass er, wenn er in die menschliche Gesellschaft eingreift, übernatürliche „Wunder“ gebraucht. Gott ist ein übernatürliches Wesen, das die Natur erschaffen hat. Das Wunder ist übernatürlich und widernatürlich: eine Handlung über der Ordnung der Natur oder gegen sie.41 Mose empfing von Gott den Auftrag, das Volk Israel zu retten. Um ihn zu erfüllen, bat er Gott um Hilfe, und diese Hilfe nahm die Gestalt von Wundern an:
Mose antwortete und sprach: Siehe, sie werden mir nicht glauben noch meine Stimme hören, sondern werden sagen: Der HERR ist dir nicht erschienen. Der HERR sprach zu ihm: Was ist’s, das du in deiner Hand hast? Er sprach: Ein Stab. Er sprach: Wirf ihn von dir auf die Erde. Und er warf ihn von sich; da ward er zur Schlange. (2. Mose 4,1–3)
So beginnt Gott auf Bitten des Mose Wunder zu wirken. Durch die Wunder der zehn Plagen, vom Wasser des Nils, das zu Blut wird, bis zum Tod der Erstgeburt Ägyptens, bei Menschen und Vieh, überredet und bedroht Gott den Pharao und hilft dem Volk Israel zu fliehen. Auch danach wacht Gott über Mose, während er die Israeliten aus Ägypten in das verheißene Land führt, in dem Milch und Honig fließen; er wirkt für ihn das Wunder, im Roten Meer einen Durchgang zu öffnen, und das Wunder, in der Wüste Manna und Wachteln zu ihrer Speise regnen zu lassen.
Das Daodejing dagegen sagt nichts von der Erscheinung übernatürlicher Wunder. Denn es lässt weder das Übernatürliche noch das Widernatürliche gelten und hält dafür, dass sich alles innerhalb der Natur erklärt. Es sah das Dao der Natur in allen Dingen der Welt gegenwärtig und alles, was in der Welt geschieht, als Naturerscheinung. In diesem Punkt nehmen Daoismus und Konfuzianismus dieselbe Haltung ein. Die in den Gesprächen überlieferten Worte und Taten des Konfuzius zeigen, dass er nicht an Wunder glaubte. Der Konfuzianismus gebietet, sich nicht für Wunder, Zauberei, Magie und Aberglauben zu interessieren.
Der Meister sprach nicht von seltsamen Dingen (怪), von Kraftakten (力), von Wirren (亂) und von Geistern (神). (Gespräche 7,20)
Und er warnt vor dem Studium von Lehren, die mit diesen „seltsamen Dingen, Kraftakten, Wirren und Geistern“ zusammenhängen. Um diese Seite zu betonen, spielt der Führende (junzi, 君子: bei Konfuzius der Mensch gebildeter Sittlichkeit, der fähig ist, andere zu leiten, und den diese Übersetzung, dem Autor folgend, mit „der Führende“ wiedergibt) nicht die Rolle eines Geräts, das die seltsame, von anderen aufgestellte Logik einfach befolgt. Es ist eine Warnung vor der metaphysischen Logik, die die Wendung „Der Führende ist kein Gerät“ ausdrückt:
Der Führende ist kein Gerät (君子不器). (Gespräche 2,12)
Diese Haltung legt Xunzi (荀子, um 310–235 v. Chr.), ein Denker vom Ende der Zeit der Streitenden Reiche, der sich bemühte, konfuzianisches und daoistisches Denken zu vereinen, noch deutlicher dar. Es ist eine Philosophie, die der westlichen Zivilisation entgegensteht, die an Wunder glaubt.
Sterne fallen vom Himmel, die Bäume des Waldes stöhnen. Die Leute fürchten sich. Sie fragen sich voller Angst, was das bedeuten mag. Es bedeutet nichts. Es ist nur ein Wandel der Natur, nur das Wirken von Yin und Yang, nur eine Erscheinung, die selten eintritt. Es ist gut, diese Erscheinungen seltsam zu finden; es ist falsch, sie zu fürchten. (Xunzi 17,8)
In der westlichen Zivilisation dagegen hinterlässt Gott, anders als das östliche Dao, eine Spur von Wundern. Als der Gott, der Wunder wirkt, Mose nahe dem Berg Sinai die Zehn Gebote gibt, wird endlich ein strenger „Bund“ zwischen dem Volk Israel und Gott geschlossen. Der Gott des Westens wirkte unablässig Wunder und hielt seinen Bund mit dem Volk Israel.42 In 2. Mose 34,11 sagt er: „Halte, was ich dir heute gebiete. Siehe, ich will vor dir her ausstoßen die Amoriter, Kanaaniter, Hethiter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter.“ Gott gab auch Josua, dem Nachfolger des Mose, die Strategie und die Taktik zu erkennen, die zur Eroberung des verheißenen Landes nötig waren; er ließ große Hagelsteine vom Himmel fallen, um den Feind zu töten, und hielt die Sonne einen Tag lang an, um Josua zum Sieg zu führen.
Das Dao des Ostens schließt mit den Menschen keinen Bund. Darum kann kein Einzelner, kein Stamm, kein Staat das Dao für sich beanspruchen. Das philosophische System des Ostens glaubt an das Dao, die Naturphilosophie, als absolute Wahrheit. In der griechisch-römischen Zeit dagegen hatten die Stämme und Staaten des Westens alle ihre eigenen Götter. Dieser westliche Gottesglaube verstärkte sich noch, nachdem das Christentum, eine Offenbarungsreligion, im 4. Jahrhundert n. Chr. Staatsreligion Roms geworden war, und setzte sich durch die tausend Jahre des Mittelalters fort. In der Aufklärung, in der Neuzeit, entstand im Westen eine Bewegung, die im Namen des Deismus (理神論) die Wunder leugnete, doch der Glaube, dass Gott das Universum erschaffen hat, blieb. Das Dao des Ostens und der Gott des Westens treten als Systeme der Naturphilosophie und der Offenbarungsreligion an den Menschen heran.
3) Woher kommt das Universum: das Nichtsein (無) vs. das Sein (有)
Das Daodejing und die fünf Bücher Mose legen zuerst fest, wer zuerst ist, das Dao oder Gott, und erklären dann Ursprung und Prinzipien des Universums. Die Begriffe, die hier die philosophischen Systeme des Ostens und des Westens gemeinsam vorlegen, sind das Nichtsein und das Sein. Was ist der Ursprung des Universums? Der leere Raum, also das Nichtsein? Oder das volle Sein, also die Sterne? Die Zivilisationen des Ostens und des Westens unterscheiden sich grundlegend darin, was der Ursprung des Universums ist. Die östliche Zivilisation erklärt, dass das Sein aus dem Nichtsein hervorgegangen ist und alles am Ende ins Nichtsein zurückkehrt. Das ist das Gesetz der Natur nach dem Osten. Nichtsein und Sein sind verbunden, doch das Nichtsein steht in der Mitte.
Die zehntausend Dinge unter dem Himmel entstehen aus dem Sein, und das Sein entsteht aus dem Nichtsein. (Daodejing, Kapitel 40)
In der westlichen Zivilisation dagegen steht der Vorgang der Schöpfung im Mittelpunkt, verstanden als Schöpfung aus der Unordnung. Indem sie das geschaffene Sein betont, erklärt sie, dass der Ursprung des Universums nicht das Nichtsein, das Nichtdasein, ist, sondern das Sein, das Dasein. Das Sein ist der Anfang des Daseins, das das Nichtsein überwunden hat. Das Nichtsein hat keinen Sinn; das Sein hat allen Sinn. Das Handeln Gottes, der übernatürliche Wunder wirkt, also das Sein, ist die Mitte des Daseins. Das Sein wird als das Licht dargestellt, das die Finsternis des Nichtseins ablöst.
Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. (1. Mose 1,3)
Die Philosophie der Offenbarungsreligion trifft sich mit dem Gedanken, den Parmenides im 5. Jahrhundert v. Chr. in Griechenland vertrat: „Allein das Sein (有) ist wahr, und das Nichtsein (無) ist eine Täuschung.“ In seinem Lehrgedicht Über die Natur legt Parmenides eine Philosophie nicht der Erscheinungen oder des Wandels der Natur dar, sondern der Wahrheit und des Seins. Er behauptete, allein das Sein (das Dasein) sei wahr und das Nichtsein (das Nichtdasein) könne nicht sein: Das Nichtsein sei eine Erfindung, die sich weder sagen noch denken lasse. Er war überzeugt, dass die Sinne täuschen und allein der Geist die Wahrheit erkennt. Er behauptete, das Sein sei eines, unwandelbar und ewig. Zudem sagte er in seinem Gedicht, da wir nicht denken können, was nicht ist, seien Denken und Sein dasselbe. Diese Thesen wurden durch die Zitate späterer Philosophen wie Platon und Aristoteles bekannt. Sie trugen entscheidend dazu bei, im westlichen philosophischen System eine metaphysische Strömung hervorzubringen.
Zwei völlig verschiedene Zugänge zum Verständnis der Welt haben sich gebildet und Jahrtausende überdauert. Diese beiden Zugänge betreffen die menschlichen Angelegenheiten, die Art, die Welt und die Natur zu verstehen, und verschiedene Weisen, das Denken zu führen. Diese verschiedenen Zugänge, der westliche und der östliche, sind getrennt entstanden und gewachsen, ohne vom anderen beeinflusst zu werden. 43
In der östlichen Vorstellung vom Universum bedeutet das Nichtsein nicht einfach „Abwesenheit“: Es ist ein Begriff, der dem Sein gegenübersteht. Nach der östlichen Philosophie des Wandels gehen Nichtsein und Sein ineinander über. Das Nichtsein bezeichnet ein grundlegenderes Dasein, das Ungemachte oder den ursprünglichen Zustand vor der Entstehung der Welt. Das Sein dagegen bezeichnet die Welt, die wir im Alltag erfahren, den wandelbaren Zustand der Dinge, die Welt des Entstehens und Vergehens. Darum bedeutet das Wuji (無極), das Nichtsein, im Daoismus nicht einfach „es gibt nicht“. Es bezeichnet ein tieferes, grundlegenderes Dasein oder einen Zustand, der dem Sein vorausgeht und den unsere gewöhnlichen Sinne kaum wahrnehmen.
Was nicht benannt werden kann, ist der Ursprung von Himmel und Erde; was benannt werden kann, ist die Mutter der zehntausend Dinge … Diese beiden sind im Grunde dasselbe, doch indem sie hervortreten, erhalten sie verschiedene Namen.
(Daodejing, Kapitel 1)
Im Westen erschien eine Sammlung von Holzschnitten, die die wichtigsten Ereignisse der Bibel, den Beginn der Erschaffung des Universums, den ersten Tag der Welt usw., in Bildern und Erläuterungen darstellte. In Nürnberg entstanden, heißt sie die Schedelsche Weltchronik oder Nürnberger Chronik (Nuremberg Chronicle), und ihre erste Ausgabe erschien 1493. Diese Sammlung beginnt gerade mit einem Holzschnitt des ersten Schöpfungstages. Sie hebt für die westliche Zivilisation das Dasein des aus dem Nichtsein, der Unordnung, geschaffenen Seins hervor. Sie verkündet den Beginn der Schöpfung, vom Chaos (der Unordnung) zum Universum (der Ordnung). Mit der Schöpfung des Seins verschwindet das Nichtsein, das Nichtdasein. Alles, was durch die Schöpfung besteht, beruht fortan auf einer „Philosophie des unwandelbaren Seins“.
Vom 15. Jahrhundert an, etwa zur Zeit des Erscheinens der Nürnberger Chronik, begann der Daoismus das Taiji-Diagramm zu verwenden, das die östliche Vorstellung vom Universum enthält. Das Taiji-Diagramm geht vom Wuji aus, das das Nichtsein bedeutet, um das Taiji zu bilden. Das Taiji teilt sich in zwei Teile, die Yin und Yang bedeuten. 44 Die Zeichnung des Taiji-Diagramms kam im 15. Jahrhundert in Gebrauch, doch der Begriff von Yin und Yang, den sie enthält, ist schon im zweitausend Jahre älteren Daodejing klar beschrieben: „Die zehntausend Dinge tragen das Yin auf dem Rücken und umarmen das Yang“ (Daodejing, Kapitel 42). Diese Vorstellung vom Universum spricht das Prinzip eines Universums aus, in dem alle Dinge innerhalb einer „Philosophie des Wandels aus Yin und Yang“ in Einklang stehen.
4) Wie bewegt sich das Universum: die Philosophie des Wandels (變化論) vs. die Philosophie des Seins (存在論)
Ost und West setzen den „Ursprung des Universums“, seine Wurzel, an entgegengesetzte Orte. Der Osten verstand die Welt als unablässigen Wandel und als Beziehung; der Westen erfasste sie über das Wesen und die Struktur des Seins. Mit anderen Worten: Der Osten richtete sich darauf, dass „alles sich wandelt“, der Westen konzentrierte sich auf das, „was ist“. Diese Denkweisen rühren vom Unterschied zwischen Ost und West in der Frage nach dem Ursprung des Universums her, danach, woher es kommt. Das Nichtsein (無) des Ostens und das Sein (有) des Westens: Das ist der Unterschied zwischen den Ursprüngen des Universums, die sie sahen. Aus diesem Unterschied des „Ursprungs des Universums“ leiten Ost und West verschiedene „Prinzipien des Universums“ ab: die Philosophie des Wandels des Ostens, die Philosophie des Seins des Westens.
Im Osten, wo die Dinge vom Nichtsein ins Sein übergehen, haben Nichtsein und Sein beide Wert. Die Philosophie des Wandels zwischen Nichtsein und Sein bildet seinen Kern. Der Westen dagegen macht eine Philosophie des Seins, die dem Sein, dem Dasein, allen Wert beimisst, zum Kern seines philosophischen Denkens. Das ist der Unterschied zwischen einer „Philosophie des Wandels mit dem Nichtsein in der Mitte“ und einer „Philosophie des Seins mit dem Sein in der Mitte“. Der Osten erfasst das Dasein als Wandel, im Fluss und in der Beziehung. Der Westen sieht das Dasein als feste Substanz und festes Wesen.
Die westliche Philosophie geht von einer Frage nach der Substanz aus, „Was ist das Sein?“, und das Handeln wird als eine Weise verstanden, das Wesen des Seins zu offenbaren. Betont wird der Einzelne als unabhängiges Subjekt, das sein Handeln durch eigene Wahl und Freiheit bestimmt. Daher wird die Rationalität hochgeschätzt, das Handeln wird nach logischen und ethischen Maßstäben beurteilt, und die Normen bilden sich in der Suche nach dem Sinn des Seins. Die östliche Philosophie des Wandels ist ein philosophisches Denken über das Universum, das der westlichen Philosophie des Seins gegenübersteht. Im Kern der westlichen Philosophie steht die Philosophie des Seins, des Daseins, das mit der Erschaffung von Himmel und Erde durch Gott beginnt. Die Philosophie des Seins betont die Bedeutung des Gesetzes, das auf eine unwandelbare menschliche Natur gegründet ist. Das Gesetz des Judentums ist die Offenbarung, die die jüdischen Propheten von Gott empfangen haben, das „Wort Gottes“ (Word of God). Entscheidend ist, dass Gott als „letztes Sein“ (Ultimate Being) die Kundgabe des geschaffenen Daseins ist: Das Sein (有) ist der Anfang aller Dinge. In den menschlichen Angelegenheiten des Westens haben sich die Überlieferung und die Philosophie, die das Gesetz hochhalten und auf dem Denken des Handelns beruhen, unverändert bis in die moderne Gesellschaft fortgesetzt. Sie erfassten das Dasein als „feste Substanz“ und mündeten in eine Metaphysik, die Wesen und Struktur des Seins erforscht. Der Osten kam dazu, ein dynamisches und ganzheitliches Weltbild zu bevorzugen; der Westen ein statisches und analytisches.
Mit der Entwicklung der westlichen Zivilisation nehmen diese Überlieferung und diese Philosophie eine Form an, die die Gesetze, Institutionen und Modelle des Westens hochhält. Wiederholen wir es: Diese Philosophie beruht auf einer Philosophie des Seins, nach der das Geschaffene ewig besteht. Darum misst der Westen seinen Institutionen und Modellen, die er für auf eine ewige Philosophie des Seins gegründet hält, große Bedeutung bei; und da diese Institutionen und Modelle mit dem Ganzen verbunden sind, hält er sie hoch und macht sie zum Mittel der Verbreitung der westlichen Zivilisation.
Die Philosophie des Wandels ist ein Schlüsselbegriff zum Verständnis der östlichen Zivilisation; doch der Westen, versunken in die Metaphysik des Seins, kann sie nur schwer erfassen. Im Englischen wird die Philosophie des Wandels mit transformationism wiedergegeben, die Philosophie des Seins mit ontology. 45 Die östliche Zivilisation hat den Wandel des Universums unter dem Gesichtspunkt des Yi (易) verstanden. Das Zeichen 易 bedeutet „Wandel“. Es stammt von einem Bildzeichen, das den Farbwechsel der Eidechsenhaut oder den zyklischen Wechsel von Sonne und Mond darstellt. Der Begriff einer Philosophie des Wandels ist im Osten seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. weithin angenommen. Das Yijing (易經), das diese Philosophie des Wandels enthält, ist der älteste philosophische Klassiker Chinas; um das 1. Jahrtausend v. Chr. begonnen, hat es die Philosophie des Wandels in die daoistische und die konfuzianische Philosophie eingepflanzt.46
Der Wandel ist eine grundlegende Eigenschaft des Wirklichen. Die Philosophie des Wandels, die die Quantenmechanik in der modernen Physik vertritt, teilt diese Eigenschaft. Sie steht der Philosophie des Seins der klassischen Physik gegenüber, in der unabhängige Substanzen bestehen. Das Prinzip des Universums, wie der Osten es sah, ist eine Philosophie des Wandels, die zwischen Nichtsein und Sein hin- und hergeht. Das östliche Denken geht nicht von einem unwandelbaren Sein aus, sondern von einer Philosophie des Wandels, in der sich alles unablässig wandelt. Die Philosophie des Wandels will das Dasein nicht als feste Substanz verstehen, sondern als Beziehung und Vorgang. Nach der Philosophie des Wandels betrachtet, heißt „sein“ „sich wandeln“.
In der westlichen Kosmologie gibt es das Nichtsein nicht: Sie wird zu einer „Kosmologie des Seins“. Da sie sich allein auf das Sein richtet, beschreibt sie sich philosophisch als Philosophie des Seins. Parmenides behauptete: „Das Sein ist ungeworden und unvergänglich, ganz, unwandelbar und vollendet. Es war, es ist und es wird immer dasselbe sein.“ Er behauptete: „Das Nichtsein lässt sich weder sagen noch denken, und es ist nicht. Denken kann man nur, was ist.“ Diese Philosophie des Seins wurde zur Grundlage der Lehre vom Offenbaren und der Metaphysik Platons und des Aristoteles. Der Kern einer westlichen Kosmologie, die „das Sein erschafft“, liegt im Sein. Das aus der Unordnung des Chaos geschaffene Sein bewahrt durch die Philosophie des Seins seine unwandelbaren Eigenschaften unversehrt. 47
Die westliche Philosophie des Seins verstärkte sich in dem Maße, in dem sich das philosophische Denken mit dem religiösen Glauben verband. Im Denken der Offenbarungsreligion dient die Philosophie des Seins, nach der das, was Gott geschaffen hat, sich nicht wandeln darf, als Grundlage. Selbst wenn er den Wandel anerkennt, legt der Westen Wert auf das Unwandelbare im Wandel und behandelt ihn stets in den Grenzen der Philosophie des Seins. Das ist die These der Philosophie Platons, nach der hinter den Wandlungen des Wirklichen die Ideen bestehen, unwandelbare Wesenheiten: eine Philosophie des Seins, in der der Wandel eine Begleiterscheinung und das Wesen unwandelbar ist. Descartes nahm dieses Denken im 17. Jahrhundert auf. Diese Denker bauten ihre philosophischen Systeme auf, indem sie die Materie oder den Geist, unwandelbare Substanzen, als Grund des Daseins behandelten. Die Philosophie des Seins und die auf ihr beruhende Metaphysik zählen im Westen so viel, dass Descartes der Vater der neuzeitlichen Philosophie genannt wurde.
Der Standpunkt der östlichen Philosophie des Wandels spiegelt sich unverändert im philosophischen System des Ostens. Nirgends in den östlichen Klassikern findet sich der Begriff eines Schöpfers oder einer Schöpfung. Alles im Universum und in der Natur war schon da und ist nicht das Ergebnis einer Handlung wie der Schöpfung; indem es sich unablässig wandelt, bringt es die Erscheinungen hervor, die wir sehen. Blickt man auf das gewaltige Universum, so ist dort alles stets in Bewegung und Wandel. Nichts hält je inne. Der Wandel hat keinen Zweck, und man kann seinen Kern nicht fassen. Darum ist die Beständigkeit der Philosophie des Wandels in gewissem Sinn der Grund, der allen Wandel möglich macht. Aus dieser Philosophie, aus dem Wandel des Universums, geht genau der Begriff des Dao hervor, das dem Lauf des Wandels folgt.
Die östliche Philosophie des Wandels sucht das Universum durch das Verhältnis zwischen dem, was nicht ist (dem Nichtsein), und dem, was ist (dem Sein), zu verstehen. Das Nichtsein bedeutet keine bloße Abwesenheit: Es ist die Quelle, die das Sein möglich macht. Das Nichtsein ist die Möglichkeit der Schöpfung, das Sein ihre Verwirklichung. Der Ursprung des Universums ist das Nichtsein, und das Nichtsein ist nicht Leere, sondern Quelle von Anlage und Möglichkeit. Der Lauf des Universums ist die Bewegung von Nichtsein und Sein; durch Entstehen und Vergehen, Aufstieg und Niedergang, die Wandlungen von Yin und Yang kreist das Universum ohne Ende zwischen Nichtsein und Sein. Die Philosophie des Wandels bedeutet, dass „der Wandel selbst das Prinzip des Universums ist“ und nicht das Sein. Sie legt den Akzent nicht auf „den Wandel der Dinge, die sind“, sondern auf „den Wandel selbst“, und keineswegs auf die Dinge. Denn indem es sich wandelt, wandeln sich auch die Dinge.
Die Philosophie des Seins dagegen richtet sich auf das seiende Ding. Es behält den Wert seines Daseins unverändert, unabhängig vom Wandel. Hier bildet die Metaphysik, die Ontologie (ontology), die Teleologie (teleology) und die Epistemologie (epistemology), die sie erkennt, den Kern der westlichen Philosophie. Im westlichen philosophischen System ist das Gegenteil des Seins das Nichtdasein. Mit einem solchen, auf den Westen ausgerichteten Denken ist der Vergleich von Ost und West unmöglich. In diesem Vergleich lässt sich die Philosophie des Seins nicht mit dem Nichtdasein, sondern mit der Philosophie des Wandels vergleichen: Das Gegenstück zum Sein ist nicht das Nichtsein, sondern „der Wandel zwischen Nichtsein und Sein“. Letztlich stellen die Philosophie des Wandels und die Philosophie des Seins das Denken der beiden Zivilisationen auf völlig verschiedene philosophische Systeme. Was Gott geschaffen hat, muss einen Zweck haben. Philosophische Systeme metaphysischer Neigung wie Ontologie, Teleologie und Epistemologie konnten sich in einem östlichen Denken, das die Philosophie des Wandels zu seinem Kern macht, nicht entwickeln, und sie sind in der östlichen Philosophie Begriffe ohne Bedeutung.48
Nach der Philosophie des Wandels ist das Universum nicht die feste Substanz, die die Philosophie des Seins annimmt, sondern ein Vorgang des Wandels. Das Universum und die Natur sind nicht der Zweck oder das Werkzeug, das die Philosophie des Seins annimmt, sondern das, was von selbst ist und sich nach der Philosophie des Wandels ewig wandelt. In der Quantenmechanik der modernen Physik wird das Nichtsein des Vakuums zu einem Raum von Möglichkeiten, der nicht leer ist. In der klassischen Physik bedeutet das Vakuum nichts: Es ist der leere Raum, in dem absolute Materie und Energie wirken. Darum ist in der westlichen Philosophie des Seins die wahre menschliche Weisheit das Handeln, das der aus dem Sein hervorgegangenen Schöpfung folgt. Im Osten dagegen ist die wahre menschliche Weisheit das Nicht-Handeln (無爲), das nicht dem sich wandelnden Sein folgt, sondern „dem Nichtsein, dem Ursprung des Seins“.
Im Westen sprach Heraklit in Griechenland die Philosophie des Wandels aus. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ ist sein berühmter Satz über den Wandel. Doch seine Philosophie des Wandels wurde von der des Parmenides verdrängt, der nach Sokrates die westliche Lehre vom Offenbaren folgte, und verschwand. Im Westen vertraten erst im 20. Jahrhundert Philosophen wie Whitehead eine Philosophie des Wandels.49 Er behauptete, das Universum sei die Summe unablässiger Vorgänge der Schöpfung und Gestaltung, eine Folge von Ereignissen ohne feste Substanz. Die Philosophie des Wandels richtet sich auf die Dynamik, das Wesen des Wirklichen: Entstehen, Vergehen, Wechselwirkung. Die Dinge bestimmen sich daher nicht als unabhängige Substanzen, sondern innerhalb von „Vorgängen“ oder „Beziehungen“.
Die östliche Philosophie deutet die beiden Grundprinzipien, Sein und Nichtsein, nicht als unabhängig bestehend, sondern als einander ergänzend und im Wandel begriffen. Darum entwickelte sich in der östlichen Zivilisation kein Interesse an einer Philosophie des unwandelbaren Seins und kein Nachdenken darüber. Die östliche Philosophie des Wandels erklärt, warum sich die westliche Ontologie oder Epistemologie in der Geschichte der östlichen Philosophie nicht entwickelten. Stattdessen entwickelte der Osten die Philosophie des Shi (勢), die darin besteht, den im Wandel verborgenen Lauf zu erfassen und zu nutzen, ferner die auf die menschliche Natur gegründete Philosophie des Shu (術) und eine Auffassung, die die Ethik (倫理) über das Gesetz stellt. In der Mitte der östlichen Zivilisation stehen das philosophische System des Shi (勢), des Shu (術) und eines Gesetzes (法), das die Ethik an die erste Stelle setzt, sowie die darauf beruhenden praktischen Philosophien der politischen Ethik und der politischen Ökonomie. Ein philosophisches System eines Gesetzes, das die Ethik an die erste Stelle setzt, des Shi und des Shu, konnte sich in einem westlichen Denken, das auf die Philosophie des Seins gegründet ist, nicht entwickeln.
Bis etwa zum 1. Jahrtausend v. Chr. gebrauchte die östliche Zivilisation wie der Westen den Begriff Gangrou (剛柔, das Harte und das Weiche) und stellte den Wert der Härte über den der Weichheit. Doch etwa nach dem 1. Jahrtausend v. Chr. zeigt sich eine deutliche Neigung, die Weichheit der Härte vorzuziehen. Diese Zeit markiert die Wende, in der das Denken von Yin und Yang das des Harten und Weichen ablöste und zum Hauptdenken der östlichen Zivilisation wurde.50 Den Beweis liefert das Yijing: Bis etwa zum 1. Jahrtausend v. Chr. gebrauchte es das Denken des Harten und Weichen, danach trat das Denken von Yin und Yang an seine Stelle. Dieser Wandel des Denkens drückt sich in den Kernwerten des Daoismus und des Konfuzianismus aus, die für die östliche Philosophie stehen. Daoismus und Konfuzianismus stellten Sanftheit, Biegsamkeit, Maßhalten und Selbstbildung in den Vordergrund.
Der Vergleich der Zivilisationen des Ostens und des Westens lässt eine bemerkenswerte Tatsache erkennen. Es ist zu beachten, dass die Zeit, in der in der östlichen Zivilisation das Denken des Harten und Weichen durch das von Yin und Yang abgelöst wurde, fast dieselbe ist wie die, in der in der westlichen Zivilisation der Polytheismus durch den Monotheismus abgelöst wurde. Während der Polytheismus den größten Teil des Westens und des Nahen Ostens überzog, trat der Monotheismus in Ägypten, in Persien und in Judäa hervor. Man kann diesen Zeitpunkt um das 1. Jahrtausend v. Chr. ansetzen. Danach breitete sich im Osten das Denken von Yin und Yang anstelle des Harten und Weichen aus, im Westen der Monotheismus anstelle des Polytheismus.
Das Yijing (易經) vs. das Orakel (神託): Das Yijing lebt durch Daoismus und Konfuzianismus im östlichen Denken fort
Jahrtausendelang dienten das Yijing und das Orakel in der Geschichte des Ostens und des Westens dazu, in entscheidenden Augenblicken die Zukunft zu ergründen. In der Art, wie man sich des Yijing und des Orakels bediente, zeigt sich der Unterschied zwischen der östlichen Philosophie des Wandels und der westlichen Philosophie des Seins. Das Wort 神託, das das Orakel bezeichnet, bedeutet, dass ein Gott (神) die Fragen der Menschen beantwortet, indem er einen menschlichen Körper entleiht (託). Zwischen Gott und Mensch tritt ein Mittler. Die Priesterin, die im Tempel lebte und die Orakelsprüche gab, spielte eine ähnliche Rolle wie der Prophet in der Offenbarungsreligion. Da die Zukunft von Gott, einem transzendenten Wesen, festgelegt ist, geht es darum, sie durch den Mittler im Voraus zu erfahren. Die Entscheidung Gottes trägt eine starke Überzeugungskraft in sich: Der Mensch muss ihr folgen. Darum ist eine Seelenlage, die einen absoluten Gott um Kraft bittet, der menschlichen Natur eigen.
Doch das Zeitalter des Orakels, in dem die Menschen an Wunder glaubten und an die Logik eines Gottes, der unmittelbar in die menschlichen Angelegenheiten eingreift, verschwand mit dem Fortschritt der Wissenschaften in der Geschichte. Die Denksysteme, die aus der westlichen Aufklärung, dem Deismus und dem Rationalismus hervorgingen, machten das westliche Orakel zu einem Überbleibsel der griechischen und römischen Antike. Das östliche Yijing aber, oder zumindest seine Philosophie des Wandels, bleibt unverändert nützlich im Kern des östlichen Denkens. Vor allem spiegelt sich, gemäß dem für die östliche Zivilisation kennzeichnenden Synkretismus (syncretism), die Philosophie des Wandels des Yijing unverändert in den philosophischen Systemen des Daoismus und des Konfuzianismus wider. Das daoistische Denken des Nicht-Handelns und das konfuzianische Denken des Führenden sind mit der Philosophie des Wandels des Yijing verbunden.
Das Denken des Yijing beruht auf der Philosophie des Wandels: Die menschliche Zukunft ist nicht schon festgelegt, sondern fließt aus der Wechselwirkung von Natur und Mensch. Wichtig ist, dass der Mensch diesen Lauf erfasst, um auf den der Zukunft einzuwirken. Das westliche Orakel arbeitet nach dem Determinismus, die Entscheidungen des Yijing aber wirken im Rahmen einer Philosophie des Wandels, die die menschliche Wahl einschließt:
Jede menschliche Lage hängt davon ab, ob der Mensch gut oder schlecht handelt. Die Aufgabe des Yijing ist, dem Menschen zu helfen, das gute Handeln zu wählen. Das Yijing ist darum von ganz anderer Art als die Wahrsagerei, die die Zukunft vorhersagt 51
Das Yijing geht über den Charakter eines Orakelbuchs hinaus, das sich damit begnügte, die Zukunft vorherzusagen und dem Menschen die Entscheidung des Himmels als schon gegebenes Schicksal zu übermitteln.52 Was das Yijing dem Menschen bietet, ist nicht einfach ein Fahrplan, „die Zukunft wird so sein“, sondern ein Spielraum der Wahl: „Was soll ich tun?“ Darum wird im östlichen Yijing, anders als im westlichen Orakel, die Rolle des Menschen hochgeschätzt. Die drei Linien der Trigramme des Yijing setzen den Himmel, die Erde und in ihrer Mitte die Rolle des Menschen. Man muss die Zeit des Himmels und die Lage der Erde gut beobachten, doch innerhalb dieses Rahmens muss der Mensch die Rolle finden, die ihm am meisten entspricht, und sie ausfüllen, um so sein eigenes Schicksal zu bestimmen und zu gestalten.
Nach dem Yijing entspricht jeder Lage für den Menschen ein Handeln. In jeder gegebenen Lage bestehen das rechte Handeln und das, was es nicht ist, als mögliche Entscheidungen. Das Yijing ist kein bloßes Buch der Prophezeiung oder Wahrsagerei, sondern ein philosophisches Buch, das Weisheit und Ethik enthält. „Man soll das Orakel weder verschmähen noch ihm ganz glauben. Doch befrage es stets“ (Erlass König Sejongs an seinen Befehlshaber des Nordfeldzugs, nach den Annalen der Joseon-Dynastie). Das rechte Handeln bringt Glück, das gegenteilige Unglück.
Was ist also für jede gegebene Lage das rechte Handeln, das ihr entspricht? Es herauszufinden, darüber muss der Mensch in der ihm gegebenen Lage entscheiden. Das Yijing betont, dass das Handeln des Menschen, wenn er so früh wie möglich, am Anfang einer sich stets wandelnden Lage, handelt, größeren Einfluss auf die Zukunft haben kann. Das Yijing hat eine starke ethische Seite und soll als Weisheit dienen, sich in den Lagen einen Weg zu bahnen.
Viele halten das Yijing undeutlich für ein Orakelbuch oder für eine der geheimnisvollen alten Schriften des Ostens.53 Doch das Gewicht des Yijing in der östlichen Kultur ist so groß, dass es die östliche Vorstellung vom Universum und vom Verhältnis zwischen Natur und Mensch festlegt.
In der östlichen Kultur hat das Yijing durch jahrhundertelange Wechselwirkung mit dem Daoismus, dem Konfuzianismus und anderen seine Philosophie an den Grund des östlichen Denkens gelegt. Während die Kommentare zum Yijing in der Frühlings- und Herbstperiode und der Zeit der Streitenden Reiche entstanden und vollendet wurden, knüpfte sich eine tiefe Beziehung des Gedankenaustauschs zwischen dem Yijing, dem Daoismus und dem Konfuzianismus. Indem sie das Zhouyi studierten und deuteten, nahmen die daoistischen und konfuzianischen Gelehrten die ihm innewohnende Philosophie und Ausrichtung in ihr Denken auf und entwickelten sie weiter. Durch diesen Austausch entwickelte das Zhouyi über Daoismus und Konfuzianismus das Denksystem des alten Yijing weiter und nahm durch seine Kommentare Gedanken auf, die vom Daoismus und Konfuzianismus beeinflusst waren: Naturauffassung, Ethik, politische Philosophie. Wegen des tiefen Einflusses des Yijing auf Daoismus und Konfuzianismus ist dieser Einfluss in den Ländern des daoistisch-konfuzianischen Kulturraums noch lebendig.
Es steht außer Zweifel, dass das Yijing eines der wichtigsten Bücher der Welt ist … Es ist das wichtigste und sinnreichste Buch, das dreitausend Jahre chinesischer Kulturgeschichte enthält. Die ganze Kulturgeschichte Chinas ist von diesem Buch angeregt worden oder hat auf seine Deutung eingewirkt. Darum enthält das Yijing eine über Jahrtausende geschliffene Weisheit. Es ist natürlich, dass Konfuzianismus und Daoismus, die Mitte der chinesischen Philosophie, beide auf der Philosophie des Yijing beruhen. 54
Der wichtigste Punkt in dieser Sicht ist, dass sich die naturalistische Vorstellung vom Universum und die Philosophie des Wandels, die dem Yijing innewohnen, mit der ethischen, politischen und wirtschaftlichen Philosophie, die dem daoistischen und konfuzianischen Denken innewohnt, zu einem Ganzen verbinden. Das bedeutet, dass sich Ethik, Politik und Philosophie des Ostens auf der Natur und um sie herum gebildet haben. Die Bedeutung dieses philosophischen Systems spiegelt sich in den philosophischen Systemen Koreas, Japans und Vietnams wider. Sie ist sogar in ihren Nationalflaggen (國旗) versinnbildlicht.55
Die These, man müsse eine auf die Natur gerichtete philosophische Grundlage schaffen, wurde im Westen zweitausend Jahre später, zu Beginn der Aufklärung, von Bacon, Spinoza und anderen vertreten. Sie wurde in dem Maße möglich, in dem sich der Westen von der Überlieferung der Offenbarungsreligion löste. Um die Bedeutung der Natur für die Philosophie zu betonen, erklärte Bacon: „Der menschliche Verstand entsteht allein aus dem Nachdenken über die Natur und der Beobachtung der Wahrheit, die sie zeigt. Darüber hinaus kann der Mensch nichts wissen und nichts tun.“ Spinoza ging weiter und erklärte, dass „Gott dasselbe ist wie die Natur“.
Die philosophische Verbindung zwischen dem Yijing, dem Daoismus und dem Konfuzianismus zeigt sich darin, dass sich das philosophische System des Yijing über das Universum und die menschlichen Angelegenheiten unverändert im daoistischen Denken des Nicht-Handelns und im konfuzianischen Denken des Führenden widerspiegelt. Der Kern des konfuzianischen Denkens des Führenden ist die Bedeutung der Ethik. Sein Ausgangspunkt ist, dass die Ethik vor dem Gesetz kommen muss. Zugleich beruht das daoistische Denken des Nicht-Handelns, das dem westlichen Denken des Handelns gegenübersteht, auf der Philosophie des Wandels des Yijing. Da das Dao ewig und unwandelbar ist und niemandem gehört, verleiht es der Ethik Absolutheit und hindert doch zugleich jeden daran, eine absolute Ethik zu besitzen oder entdeckt zu haben zu behaupten. Der Konfuzianismus betont diese Eigenschaft der Ethik, die sich stark vom westlichen religiösen Dogma unterscheidet. Konfuzius betonte: „In der Menschlichkeit (仁) weicht man nicht einmal seinem Lehrer“ (Gespräche 15,35), und Menzius erklärte: „Wer alles glaubt, was das Buch der Urkunden (書經) sagt, für den wäre es besser, es gäbe das Buch der Urkunden nicht“ (Mengzi 7, „Jin Xin, zweiter Teil“, 盡心章句下). Das Christentum dagegen bekundet seine Haltung zur Bedeutung des Gesetzes klar durch ein ausdrückliches Gesetz: „Das Gesetz Gottes ist zweifach. Das erste ist, Gott anzubeten, das zweite, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst“ (Markus 12,30–31, Matthäus 22,36–40). Das bedeutet genau, dass sich die Zivilisationen des Ostens und des Westens jeweils um die Ethik und um das Gesetz gebildet haben.
Der Unterschied zwischen Ethik und Gesetz rührt genau vom grundlegenden Unterschied zwischen den Zivilisationen des Ostens und des Westens her: dem Dao und Gott, also dem Nicht-Offenbaren und dem Offenbaren. Der Daoismus entwickelte das dem Yijing innewohnende Denken über das Universum, die Ethik und die menschliche Natur weiter und baute ein umfassendes, auf die Natur gegründetes Denksystem über das Verhältnis von Mensch und Natur auf. Indem er das Nachdenken über das Verhältnis von Natur und Mensch dem Denken von Yin und Yang des Yijing und dem daoistischen Denken des Dao überließ, konnte sich der Konfuzianismus auf die Ethik und das politische Denken konzentrieren. Das Yijing begann als Orakelbuch, doch dank der Bemühungen, es zu einem Werk der Philosophie und des Denkens zu erweitern und zu vertiefen, wie im Großen Kommentar (繫辭傳), bewahrt es zusammen mit dem Daodejing und den Gesprächen die Weisheit des Ostens auf kosmologischer Ebene. Vergleicht man es mit den Offenbarungsreligionen des Westens, die in eine ähnliche Zeit gehören, so spürt man den Unterschied zwischen den Zivilisationen des Ostens und des Westens. Verglichen mit den Schriften des Judentums und des Christentums, die auf strengen, von Gott erlassenen Gesetzen beruhen, bietet es Gelegenheit, dem Kern einer östlichen Zivilisation nahezukommen, die sich vor dem Hintergrund der Ethik aus eigener Kraft einen Weg durchs Leben bahnt.
Das Yijing gründet sich nicht auf Gut und Böse, sondern auf den Begriff von Yin und Yang. In einer Welt, die sich unablässig wandelt, lassen sich weder eine Philosophie des ewigen Seins noch ein Denken von Gut und Böse anwenden. Der Begriff von Yin und Yang ist nicht statisch, sondern dynamisch. Das Yin enthält den Keim des Yang und das Yang den des Yin. Beide haben einfach die Eigenschaft, sich wandelnd einander zu ergänzen. So stellt das Yi nicht die „Ich-Bezogenheit“ in den Vordergrund, die auf der Philosophie des Seins beruht, sondern die „Beziehungsbezogenheit“ des Denkens von Yin und Yang. Dieser philosophische Zugang liefert die Grundlage des Denkens der östlichen Zivilisation.
Das ursprüngliche Yijing bestand, wandelte sich und entwickelte sich mehr als zweitausend Jahre vor der Frühlings- und Herbstperiode und der Zeit der Streitenden Reiche, vor der Entstehung von Daoismus und Konfuzianismus, und bildete einen großen Sockel des östlichen Denkens. Man weiß es aus der Anekdote, die Konfuzius hinterließ, „die Lederriemen rissen dreimal“ (韋編三絶): Konfuzius las das Yijing so eifrig, dass die Lederriemen, die seine Bambusstreifen zusammenhielten, dreimal rissen. Es ist zu beachten, dass die Hexagramme und Linien, die die Grundlage des Yijing bilden, lange vor der Erfindung der Schrift als Zeichen und Symbole dienten. Das bedeutet, dass das Yijing schon in den Anfängen der östlichen Zivilisation Sockel und Richtung des östlichen Denkens und seiner Begriffe festgelegt und gefestigt hatte. Mit anderen Worten: Die Philosophie, die den Wandel aller Dinge durch harte und weiche Linien, also durch das Denken von Yin und Yang, deutet, und die ihr innewohnende Naturauffassung waren durch das Yijing bereits begründet.
Das Yijing ist so tief mit dem Konfuzianismus verbunden, dass es in der Zeit, in der die konfuzianischen Gelehrten herrschten, oft zu den Fächern der Beamtenprüfungen gehörte. Darum wurde das Yijing einer der konfuzianischen Klassiker und nimmt im Konfuzianismus einen wichtigen Platz ein. Gewiss erwähnt das Daodejing, anders als die Gespräche, das Yijing nicht ausdrücklich; doch viele Stellen des Daodejing spiegeln hier und da die Gedanken, die es enthält. Auch der Daoismus ist so tief mit dem Yijing verbunden, dass er schließlich das aus dem Yijing stammende Taiji-Diagramm zu seinem Symbol nahm. Letztlich dient das Yijing dem Konfuzianismus und dem Daoismus, den beiden großen Gebirgsketten der östlichen Zivilisation, als gemeinsame Quelle der Vorstellung vom Universum, der Lehre von der menschlichen Natur und der Ethik.
Hier ist der Zeitpunkt des Handelns wichtig. „Die Wahl des Nicht-Handelns“ zu suchen, spiegelt eine strategische Entscheidung: unnötige Mühe zu verringern, indem man schon im ersten Stadium angemessen handelt. Das folgt einer Philosophie, die darin besteht, die Zukunft vorauszusehen und durch ein frühes, auf diese Voraussicht gegründetes Handeln das Ergebnis auf natürliche Weise, durch Nicht-Handeln, hervortreten zu lassen. Diese Vorgehensweise zielt darauf, die Verschwendung von Kraft auf ein Mindestmaß zu senken und sich auf Wirksamkeit und das Erreichen des Ziels zu konzentrieren.
Das Yijing soll helfen, den Vorgang des Wandels zu beobachten und so früh wie möglich einzugreifen. Das erste Stadium ist entscheidend. Je früher man in eine sich wandelnde Lage eingreift, desto leichter beherrscht man den Lauf der Dinge. Spät einzugreifen ist vergeblich, denn alles ist schon vollbracht, und was man auch tut, man kann das Ergebnis nicht mehr ändern 56
Das Yijing zog auch die Aufmerksamkeit des Westens auf sich. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts, in der Zeit der Aufklärung, erfasste Leibniz das Denken, das es enthält; 1835 erschien in Deutschland das lateinische Yijing des Jesuitenpaters Régis; und später studierte Carl Jung das Yijing eingehend und zeigte großes Interesse daran. Leibniz urteilte, dass das Yijing und das östliche Denken von Yin und Yang dem Menschen mittels eines auf die Natur gegründeten Zeichensystems praktische und ethische Weisungen geben; beim Anblick der Hexagramme des Zhouyi verband er sie mit dem Dualsystem und wandte sie auf die westliche Mathematik an. Die Yin-Linie (--) lässt sich der 0, die Yang-Linie (─) der 1 zuordnen. Man sagt, er habe sich vom Yijing anregen lassen, das Dualsystem zu entwickeln, das den Computern als zentraler Mechanismus dient.57