1) Das Ren (仁) und die Liebe (愛): eine Ethik jenseits aller Lehren
Die Menschheit erfand die Schrift um 3000 v. Chr. Von da an beginnt das, was man „Geschichte“ nennt. Und etwa zweitausend Jahre später begannen die menschlichen Gesellschaften an vielen Orten eine erstaunliche Zivilisation erblühen zu lassen. Eine solche Zeit der Explosion gab es nur einmal: die, die Karl Jaspers die „Achsenzeit“ genannt hat. In kaum einigen Jahrhunderten wurden nacheinander die großen Lehrer der Menschheit geboren, Konfuzius, Laozi, Sokrates, der Buddha und Jesus, und etwas später Mohammed. Sie richteten sich auf die Grundfrage, wie man in der menschlichen Gesellschaft leben soll. Auf die Frage „Wie sollen wir leben?“ haben die großen Lehrer der Menschheit jeder eine Antwort gegeben: die Nächstenliebe (love your neighbor) des Christentums, das Ren (仁, empathy) des Konfuzianismus, das Mitgefühl (compassion) des Buddhismus, die Brüderlichkeit (brotherly love) des Islam.
Bei genauem Hinsehen laufen diese Antworten auf eine einzige hinaus. Was sie der Menschheit vorgelegt haben, ist dieselbe Ethik. Die Weisen, sie auszudrücken, sind verschieden, doch alle bedeuten „Nächstenliebe“.
Das Ren (仁) heißt die anderen lieben. (Gespräche, XII, „Yan Yuan“)
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (3. Mose 19,18, Matthäus 22,39)
Warum Nächstenliebe? Das hängt mit der menschlichen Natur zusammen. Jeder Mensch wird ohne Ausnahme mit „einem mächtigen Eigennutz und einer schwachen Uneigennützigkeit“ geboren. Die menschliche Gesellschaft hält sich nur, wenn man sie in Einklang bringt. Also muss die schwache Uneigennützigkeit den mächtigen Eigennutz umfangen. Das Mittel dazu ist die Nächstenliebe.
Die Gier nach Gütern und das Verlangen nach Ehren sind das Mächtigste im Menschen, und um ihretwillen wetteifern die Menschen, um den anderen voraus zu sein. Einige bemerkenswerte Menschen verstehen die Uneigennützigkeit, wenden sie auf ihr Leben an und werden zu Führenden (君子). Doch die meisten Menschen (小人) werden vom Eigennutz fortgerissen und leben ihr ganzes Leben, ohne der Gier entkommen zu können. Von Natur unterscheidet sich der Führende nicht vom Teilnehmenden (xiaoren, 小人). Mit anderen Worten: Die mächtigste menschliche Natur, dem Führenden und dem Teilnehmenden gemeinsam, ist der Eigennutz, das heißt die Gier. Diese Gier wird manchmal vom Geist geregelt und gelenkt, doch sehr oft verstärkt und steigert der Geist sie noch. Letztlich ist die Lenkung der Gier der Kern der Ethik.
Die Lenkung der Gier geschieht durch den Geist. In der menschlichen Natur ist die Rolle des Geistes von entscheidender Bedeutung, aber begrenzt. Der Geist kann nicht die Freiheit einer Lichtquelle genießen. Der Geist ist nur ein Spiegel. Das ist der Bereich, der ihm in der menschlichen Natur zugewiesen ist. Versucht der Geist, den dem Instinkt innewohnenden Handlungsbereich zu verlassen, um als Lichtquelle zu handeln, so setzt er den Menschen einer tödlichen Gefahr aus, denn man bedient sich dann des Geistes, um die Verfolgung der Gier zu rechtfertigen und die Ethik zu missachten. Hier liegt die Bedeutung der Ethik. Was den Geist davon abhält, sich zu verirren, ist die Ethik.
Der Unterschied zwischen Ost und West in den Beziehungen zwischen den Menschen zeigt sich deutlich, wenn man den östlichen Konfuzianismus und das westliche Christentum vergleicht. Die Lehren des Konfuzius und Jesu zeigen eine tiefe Ähnlichkeit: das Ren (仁), das heißt die Nächstenliebe. Doch trotz dieses gleichen Ausgangspunkts suchte der Westen die menschlichen Beziehungen letztlich durch die Gebote (den Rechtsstaat) zu regeln, der Osten durch die Ethik. Jesus hat uns wie Konfuzius die gemeinsame Ethik der Menschheit gelehrt, die Nächstenliebe. Das Ren (仁), das der Konfuzianismus als höchsten Wert zwischen den Menschen setzt, hat Konfuzius als Liebe zu den Menschen bestimmt. Auch Jesus hat uns das Gleichnis vom barmherzigen Samariter hinterlassen: Liebe deinen Nächsten, welches auch sein Glaube oder sein Stamm sei. Er hinterließ eine allgemeine Ethik. Die östliche Zivilisation hat ihre zentralen Gedanken fest bewahrt: das Dao der Natur und das darauf gegründete Ren (仁) der menschlichen Gesellschaft. Es ist eine allgemeine Ethik, die alle Religionen, alle Stämme und alles wissenschaftliche Denken übersteigt. Die westliche Zivilisation dagegen schwankte, der religiösen Lehre folgend, unablässig hin und her, hin- und hergerissen zwischen den Werken (der Ethik) und dem Glauben (der Religion). Unter dem Einfluss des Christentums hat die Religion trotz vieler Bemühungen, Glauben und Liebe zu versöhnen, in der Wirklichkeit und in der Geschichte den Glauben den Werken vorgezogen. Der Grundsatz der Selbsterhaltung war am Werk.
Die westliche Geschichte zeigt, dass unvermeidlich das wichtige Kriterium zur Beurteilung eines Menschen nicht war, ob er gute Taten tut, sondern ob er Christ ist. Erst nach der Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Westen dahin gelangt, aus der auf den Stamm ausgerichteten Herrschaftsethik des Aristoteles und der auf die Religion ausgerichteten Herrschaftsethik herauszutreten, um eine vom Stamm oder der Religion unabhängige allgemeine Ethik anzunehmen. Das ist erfreulich. Doch das Erbe einer lange geübten Herrschaftsethik bleibt eine schwere Last, denn es durchdringt die westliche Philosophie und die westlichen Denksysteme bis in den letzten Winkel.
Viele westliche Philosophen haben bis ins frühe 20. Jahrhundert behauptet, die westlichen Menschen seien den östlichen biologisch überlegen und hätten darum eine überlegene Zivilisation erlangt. Dann bräuchten wir die Ursache nicht mehr zu ergründen. Es genügte anzunehmen, die westlichen Menschen seien den östlichen biologisch überlegen gewesen und die westliche Zivilisation sei so der östlichen überlegen geworden. Doch wenn die östlichen und die westlichen Menschen als Homo sapiens auf derselben Stufe der Evolution dieselben genetischen Merkmale teilen, steht die Frage anders. Denn der Unterschied zwischen den Zivilisationen des Ostens und des Westens kommt nicht aus einem Unterschied der Herkunft. Man muss annehmen, dass er aus der Wechselwirkung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt kommt, mit anderen Worten aus der Umwelt, das heißt aus dem Unterschied der Zivilisation.
In der östlichen Zivilisation braucht man, da die Ethik selbst ohne Religion der Kern der Zivilisation ist, keine in einer religiösen Lehre enthaltene Ethik aufzuzwingen. Sie macht die Ethik zur politischen Philosophie, indem sie den Weisen und das Volk des Daoismus, den Führenden (junzi, 君子) und den Teilnehmenden des Konfuzianismus unterscheidet. Der Weise und der Führende sind genau der Ausdruck einer ethischen Politik. In der westlichen Zivilisation ist die Frage der Ethik mit der von Gut und Böse verbunden. Der Mensch isst die Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen und wird aus dem Paradies, dem Garten Eden, vertrieben. Bevor er davon aß, so heißt es, lebte der Mensch ohne zu arbeiten im Paradies Eden, mit den anderen Tieren. Doch indem er die Frucht isst, wird er aus dem Paradies verbannt.
Weil er einen Geist hat, fällt der Mensch anders als die anderen Tiere in die Falle, seine eigene Gier endlos zu verfolgen. Wie die Religion erzählt, muss der Mensch, sobald er die Frucht der Erkenntnis des Guten und Bösen, den Geist, besitzt, anders als die anderen Tiere unablässig arbeiten, um seine Gier zu verfolgen. Indem er die Frucht aß, hat der Mensch die Augen für den Geist geöffnet, und weil er einen Geist hat, kommt er dazu, Gut und Böse zu unterscheiden. Doch denkt und handelt er, als könne der Geist Gut und Böse nach Belieben unterscheiden und tun, was ihm gefällt, so trifft er sehr oft Entscheidungen, die sein Versprechen gegenüber Gott brechen. Das ist die Grenze des Geistes und die Falle, die er birgt. Der Geist kann die im Instinkt verborgene Gier zum Guten lenken, doch er kann sie auch zum Bösen lenken. Darin liegt die Warnung, die an den Menschen durch die Frucht der Erkenntnis des Guten und Bösen ergeht. Diese Warnung ist die Notwendigkeit der Ethik, das heißt der Daseinsgrund der Zehn Gebote.
Doch die Geschichte zeigt sehr oft nicht, dass die Lehre in Sachen der Ethik unverändert befolgt wird. Je nach den Umständen bilden sich Dogmen, die die Nächstenliebe zerstören. Doch diese Dogmen sind von Menschen gemacht und haben nur einen zeitlich und räumlich begrenzten Wert. Es gibt in der Religion Dogmen, die in Glauben gehüllt sind. Auch der Konfuzianismus hat seine Dogmen, wie die strengen Regeln des Ahnenkults. Der Buddhismus hat Dogmen übernommen, die seiner ursprünglichen Lehre fremd sind, wie Hölle und Paradies. Doch Dogmen können die Nächstenliebe nicht verdecken. Darum ist die Nächstenliebe umso nötiger:
Darum können wir nur schließen, dass derjenige der Antichrist (anti-Christ) ist, der einen ehrlichen und gerechten Menschen verfolgt, bloß weil seine Meinungen anders sind, weil sein Bekenntnis oder seine Lehre anders sind. 326
Die Zehn Gebote des Mose wurden gemacht, als die Juden ihr Volk gründeten und erhoben, das heißt, als sie Gerechtigkeit beanspruchen konnten. Das ging auf eine Lage zurück, in der das bloße Beharren auf dem Glauben zum Überleben helfen konnte. Doch zur Zeit, in der Jesus lebte, waren die Juden nicht in der Lage, Gerechtigkeit zu beanspruchen. Das jüdische Volk war von Rom erobert worden. Und da sich das hellenistische Denken damals im Mittelmeerraum verbreitet hatte, musste auch das Judentum seinen Blick vom jüdischen Volk auf die Menschen der ganzen Welt erweitern. Das war die Ursache der Entstehung des Christentums.
Zur Zeit Jesu wurde der Hellenismus zum Geist der Zeit. Der Hellenismus ist das im Mittelmeerraum verbreitete griechische Denken. Er entstand nach den Eroberungen Ägyptens, Persiens und Indiens durch Alexander den Großen. Nach dem Tod Alexanders gründeten seine Feldherren mehrere Reiche rund um das Mittelmeer, in Persien, in Ägypten und in einem Teil Indiens, und der Hellenismus entstand daraus, dass die griechische Zivilisation die Zivilisationen der eroberten Länder aufnahm. Geopolitisch bekam der Hellenismus einen stark weltbürgerlichen Charakter, und er fiel mit der Zeit zusammen, in der sich die Lehre vom Offenbaren verbreitete, die die absolute Wahrheit verfolgt und für die Sokrates, Platon und Aristoteles stehen.
Auch das Christentum entstand in dem Augenblick, als Gott den Stammescharakter des Judentums verlassen musste, um sich über die ganze Welt auszudehnen. Unter diesen Umständen konnte man keine Gerechtigkeit des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ beanspruchen, wie im Gesetz des Mose. Es konnte nur eine neue Ethik daraus hervorgehen: „Liebet eure Feinde“, „So dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar“, „So jemand deinen Rock nehmen will, dem laß auch den Mantel.“ Man kann in Jesus jemanden sehen, der die Relativität des Gesetzes erfasst hatte und dazu aufrief, es zu übersteigen. „Jesus wurde nicht gesandt, um ein Volk zu erhalten und seine Gesetze aufzurichten, sondern um das eine allgemeine Gesetz zu lehren.“ 327 Im Alten Testament soll nach dem Gebot Gottes jeder, der am Sabbat arbeitet, getötet werden. Doch Jesus machte deutlich, dass der Sabbat um des Menschen willen da ist. Der Wert Jesu liegt darin: Inmitten einer Strömung, die die jüdische Gerechtigkeit zur Erhaltung eines Stammesstaates beanspruchte, und auf dem Gipfel der römischen Macht, wo die Gewalt als Recht galt, entdeckte er allein eine Ethik, die Zeit und Raum übersteigt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
„Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Und wenn ich nur für mich bin, was bin ich?“ Ist die Antwort auf diese rätselhafte Frage des Talmud nicht von Jesus gegeben worden? Auch Konfuzius gibt eine Antwort, die denselben Gedanken ausdrückt wie Jesus: „Mit Vögeln und Tieren kann ich nicht in Herden leben. Wenn ich nicht einer bin, der unter den Menschen lebt, was bin ich dann?“ (Gespräche 18,6) Der Konfuzianismus rief, indem er drei Jahre Trauer nach dem Tod eines Elternteils forderte, viele Streitigkeiten hervor. Stellen, die drei Jahre Trauer fordern, finden sich auch in den Gesprächen. Doch das Ren (仁) des Konfuzius unterscheidet sich in nichts von der Nächstenliebe Jesu, der Liebe des Samariters (Samaritan Love). Konfuzius sagt klar, dass das Ren heißt, die Menschen zu lieben: „Ein Schüler fragte ihn nach dem Ren. Konfuzius antwortete: Das Ren heißt, die Menschen lieben“ (Gespräche 12,22, „Yan Yuan“). Sima Niu sagte mit sorgenvoller Miene: „Die anderen haben alle Brüder; ich allein habe keine.“ Zixia sagte: „Ich habe sagen hören, dass Tod und Leben vom Schicksal abhängen und Reichtum und Ehren vom Himmel. Ist der Führende achtsam und begeht keinen Fehler, ist er im Umgang mit anderen ehrerbietig und höflich, so sind alle Menschen zwischen den vier Meeren seine Brüder. Warum sollte sich der Führende grämen, keine Brüder zu haben?“ (Gespräche 12,5). Der tiefe Sinn des Konfuzius war nie, eine unbedingte Treue und Kindespflicht oder starre Beziehungen von Vater und Sohn, von Herrscher und Untertan zu lehren.
Was Konfuzius als höchste ideale Gesellschaft geschildert hat, ist die Große Einheit (大同社會), in der man „nicht nur die eigenen Eltern für seine Eltern hält und nicht nur die eigenen Kinder für seine Kinder“. 328 Auch die Politik zielt auf die Große Einheit: Politik heißt, dass der König als König handelt, der Minister als Minister, der Vater als Vater und der Sohn als Sohn. 329 In diesem Zusammenhang behauptete Menzius, ein König, der sein Volk preisgibt, werde zu einem bloßen Räuber (殘賊), der Gerechtigkeit und Ren gebrochen hat, und ein solcher König müsse abgesetzt werden. Menzius ist vielleicht der erste Philosoph in Ost und West, der die Rechte des Volkes gegenüber dem Herrscher vertreten hat. Im Westen erscheint eine ähnliche Philosophie erst mit Locke und Rousseau im 17. und 18. Jahrhundert. Menzius betonte die Bedeutung der Politik und die Verantwortung des Herrschers: Wie es keinen Unterschied gibt, ob man einen Menschen mit einem Stock oder mit einer Klinge tötet, so gibt es keinen Unterschied, ob man ihn mit einer Klinge oder durch eine schlechte Regierung tötet.330 Sehr wenige westliche Menschen haben den wahren Sinn des Konfuzius verstanden. Die meisten kennen ihn nur als jemanden, der einen veralteten Ahnenkult predigte.331
Das buddhistische Mitgefühl vs. das Nirwana
Die großen Völkerwanderungen, die das Römische Reich und mit ihm die antike westliche Zivilisation zu Fall brachten, beschränkten sich nicht auf Europa. Auch in China fielen zur selben Zeit „Barbaren“ in großer Zahl ein und besetzten das ganze Land, während eine fremde Kultur, der Buddhismus, hereinströmte; etwa dreihundert Jahre lang, vom 3. bis zum 6. Jahrhundert, in der sogenannten Zeit der Sechs Dynastien (六朝), erlebte China die größte Krise seiner Geschichte, nicht nur politisch, sondern auch kulturell. Es war eine große Krise, vergleichbar mit dem Untergang der Qing und dem Einströmen der westlichen Zivilisation, die China etwa 1500 Jahre später erleben sollte.
Wäre die östliche Kultur wie die westliche eine Kultur des Offenbaren gewesen, oder wäre der Buddhismus, statt sich auf die Ethik zu beschränken, eine umfassende Kultur gewesen, die alle Seiten der Kultur, Politik, Militär, Wirtschaft, umfasst, wie die westliche oder östliche Kultur, so wäre das chinesische Reich vielleicht wie das Römische Reich untergegangen. Doch China erstand nicht nur als Staat wieder und gründete die Tang-Dynastie: Es „sinisierte“ den Buddhismus, schöpfte daraus neue Kraft, ohne das Wesen der chinesischen Kultur zu verlieren, und erlebte auch eine kulturelle Renaissance. So bewahrte China etwa tausend Jahre lang eine kulturelle und politische Überlegenheit über den Westen.
Welche Wirkung hatte der Buddhismus, der die Renaissance der chinesischen Kultur möglich machte, auf China? Und umgekehrt, welche Wirkung hatte die chinesische Kultur auf den Buddhismus? Was bedeutet das Wort, nach dem „der Buddhismus mehr sinisiert wurde, als China buddhisiert wurde“? Wie lässt es sich im Licht der Trennung oder der Harmonie von Geist und Körper erklären, die wir zum Kriterium der Unterscheidung der Kulturen genommen haben, das heißt der Kulturen des Offenbaren und der Kulturen des Nicht-Offenbaren? Die überlieferte indische Religion, der Brahmanismus, trennt wie das Judentum des Mose Geist und Körper. Brahma in der indischen Religion entspricht dem Gott der Offenbarungsreligionen; beide sind übernatürlich. Das drückt die Upanishad gut aus.
Aus Unwissenheit umhüllt der Mensch sein wahres Selbst und hält die Hülle des Stoffes für sich selbst; indem er sie übersteigt, wird er eins mit dem Brahman, das reine Seligkeit ist.332
In Indien müht sich der vom Körper getrennte Geist (Atman), das Brahman zu erreichen, und bei dieser Bemühung um ein unerreichbares Brahman ist der Körper eine Last. Darum kann man nur aus dem Körper heraustreten. Der Buddha erschreckte und entsetzte seine fünf Gefährten, als er sich weigerte, seine Askese fortzusetzen, und die Nahrung gewöhnlicher Menschen verlangte. Er hatte verstanden, dass jede Wahrheit, die der Mensch erreichen kann, durch ein gut genährtes Gehirn in einem gesunden Körper erreicht werden kann. Ein solcher Gedanke war in jener Zeit und in jenem Land völlig neu und fremd.333 Was der Buddha, der die Harmonie von Geist und Körper verstanden hatte, zugleich empfand, ist natürlich, dass du und ich nicht getrennt werden können und in Harmonie sein müssen: Das zeigt sich im Gedanken des Mitgefühls.
Eine wirklichkeitsnahe Haltung, die sich auf diesen Gedanken des Mitgefühls richtet, wird im Buddhismus des Buddha betont. Dass der Buddha die transzendente Haltung des überlieferten Hinduismus, das heißt seinen metaphysischen Hang, verwarf und die wirklichen Probleme des Lebens, die Probleme von dir und mir, voranstellte, zeigt gut eine im Majjhima Nikāya berichtete Begebenheit. Māluṅkyaputta, der Erklärungen zu Fragen verlangte, die den metaphysischen Antinomien Kants gleichen, ob die Welt ewig ist oder nicht, ob sie unendlich oder endlich ist, ob Seele und Körper dasselbe oder getrennt sind, ob der Vollendete (聖者) nach dem Tod weiterlebt oder einfach aufhört zu sein, antwortet der Buddha so.
Māluṅkyaputta, das religiöse Leben hängt nicht von dem Dogma ab, ob die Welt ewig ist oder nicht. Ob es ein solches Dogma gibt oder nicht, es bleiben Geburt (生), Alter (老), Tod (死), Kummer (哀), Klage (悲嘆), Unglück und Verzweiflung, die Leiden dieses Lebens, deren Vernichtung ich lehre ·····.334
Der Buddhismus setzt anders als das Judentum oder der Brahmanismus keinen Gegensatz zwischen Geist und Stoff. Die Tätigkeit des Geistes wird als eine menschliche Funktion unter anderen verstanden, wie die Tätigkeit jedes anderen Körperteils. Der Buddha predigt nicht über den Atman, den Kern des Brahmanismus. Er erklärt auch keine dauernde und unveränderliche metaphysische Substanz. Der Buddha betrachtete sich wie Konfuzius einfach als Mensch. Sie stützten sich nicht auf die Macht Gottes oder eines transzendenten Wesens. Der Buddhismus erklärt wie der Konfuzianismus nur, wie man diese Welt verbessert und wie der Mensch ein besseres Leben führen kann. In diesem Sinn ist der Buddhismus wie Daoismus und Konfuzianismus keine Religion des Offenbaren, sondern eine auf das Nicht-Offenbare gegründete ethische Philosophie. Ein absolutes oder transzendentes Wesen zu erschaffen und sich mit ihm gleichzusetzen, kommt letztlich aus einem eigennützigen Gedanken der Selbsterhaltung, und es ist der erste Schritt auf dem Weg, der mich von dir trennt.
Es gibt in der Seele jedes Einzelnen zwei Wurzeln: den Trieb des Selbstschutzes und den Trieb der Selbsterhaltung. Um sich zu schützen, kam der Mensch dazu, Gott zu suchen. Um sich zu erhalten, ersann der Mensch einen ewig lebenden Atman, das heißt die Unsterblichkeit der Seele. In Unwissenheit, Schwäche, Furcht und Begierde glaubt der Mensch an diese beiden Dinge, tröstet sich mit ihnen und beruhigt sich durch sie. Darum klammert sich der Mensch an sie und zeigt für sie eine fanatische Leidenschaft.335
Die Teilung von Instinkt und Geist der Zeit des Buddha zu verwerfen und den Unterschied zwischen mir und dir zu verneinen, ist eine wahrhaft revolutionäre Haltung. Der Buddha scheint wie Jesus vorausgesehen zu haben, dass seine Lehre auf großen Widerstand stoßen würde. Der Buddha, der sich dem metaphysischen Denken widersetzte, warnte vor der selbstgerechten Haltung, die das metaphysische Denken oft als Schluss zieht.
Es ist nicht recht, dass der, der die Wahrheit liebt, selbstgerecht schließt, dies allein sei die Wahrheit und alles andere falsch. Ein Mensch kann einen Glauben haben. Sagt er: „Dies ist mein Glaube“, so sagt er die Wahrheit. Doch er darf nicht weitergehen und die absolute Haltung einnehmen, sein Glaube allein sei richtig. Niemand ist in der Lage zu sagen, dies allein sei die Wahrheit und alles andere falsch.336
Indem er mit dem Brauch der Askese brach und das Dasein des Atman verneinte, verwarf der Buddha die Trennung von Geist und Körper. Indem er den Brahmanismus verwarf, verwarf der Buddha die Trennung von dir und mir. Die Lehre des Buddha beruht auf einer tiefen Philosophie, die den anderen und sich selbst (彼我) gleichsetzt. Er meinte, die Beziehungen zwischen den Menschen müssten vor allem anderen vom Mitgefühl gelenkt werden. Darin teilt der Gedanke des Mitgefühls des Buddha sein Wesen mit dem Ren (仁) des Konfuzius, der Liebe Jesu und der Brüderlichkeit Mohammeds. Wie Jesus und Konfuzius hat der Buddha keine geschriebene Lehre hinterlassen. Seine Lehren wurden von Indern in den drei bis sieben Jahrhunderten danach aus der Erinnerung zusammengetragen.337 Darum ist es sehr schwer, zwischen dem Wesen der Lehre des Buddha und dem, was seine Schüler überlieferten, Wahres von Falschem zu scheiden.
In diesem Vorgang kam der volkstümliche Buddhismus dazu, dem Nirwana (nirvana; nir bedeutet das Nichts, das Leere, vā den Hauch, 氣) große Bedeutung beizumessen. Das Nirwana ist der Zustand, der erreicht ist, wenn das Feuer erloschen ist: Leidenschaften und Anhaftungen ganz erloschen. Tritt der Mensch ins Nirwana ein, so heißt es, zerreißt er ganz die Kette des Leidens und der Wiedergeburten und erlangt die Erlösung. Viele meinen, das Nirwana sei der Kern des Buddhismus. Und manche glauben an den Buddhismus, um selbst das Nirwana zu erreichen, weil sie meinen, der Buddha habe es erreicht. Doch der Buddha hat wenig vom Nirwana gesprochen. Abgesehen davon, dass er es als das Nichts (無) oder das Leere (空) bestimmte, gab er wenig Erklärungen dazu. Das Nirwana geht denselben Weg wie das christliche Paradies und das Glück der Griechen. Es hat seinen Reiz, doch letztlich ist es ein metaphysischer Ausdruck und Bezugspunkt.
Alle großen Denker der Menschheit sind zu dem Schluss gekommen, dass die Grundlage der menschlichen Ethik die „Nächstenliebe“ ist. Die Ethik der Nächstenliebe, die uns der Buddha, Konfuzius, Jesus und Mohammed hinterlassen haben, ist die Kurzform der Formel „Liebe deinen Nächsten, wie du dich selbst liebst“ (love your neighbor as you love yourself). Die Nächstenliebe wird schließlich zur einzigen Ethik der Menschheit: „Das Neue Testament lehrt, dass das ganze Gesetz auf ein einziges Gesetz hinausläuft: ‚Liebe deinen Nächsten.‘“ 338 „Sagen wir es einander Tag für Tag: Die Moral ist eine, und sie kommt von Gott; die Dogmen sind verschieden, und sie sind Menschenwerk.“339 Doch viele missverstehen diese Ethik noch, die vor so langer Zeit so klar erklärt wurde. 340
Wir leben noch im Missverständnis der Lehren des Konfuzius und Jesu. Der Mensch kann nicht allein leben. Was immer wir tun, für sich handeln und für andere handeln können nur vermischt sein. Das Ren (仁) bedeutet eine relationale Nächstenliebe. In den Gesprächen fragt Konfuzius: „Mit Vögeln und Tieren kann man nicht zusammenleben. Wenn nicht mit meinesgleichen, mit wem soll ich sein?“ Und der Talmud fragt: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Und wenn ich nur für mich bin, was bin ich?“ Die Antwort ist schon gegeben.
Wie Jesus hat der Buddha keine geschriebene Lehre hinterlassen. Seine Lehren wurden von Indern in den drei bis sieben Jahrhunderten danach aus der Erinnerung zusammengetragen.341 Darum ist es sehr schwer, zwischen dem Wesen der Lehre des Buddha und dem, was seine Schüler überlieferten, Wahres von Falschem zu scheiden. Da der Buddha nicht das persönliche Heil suchte, kann das Nirwana nicht das Wesen seiner Lehre sein. Der Buddha sehnte sich nach der Erlösung und dem Heil aller Wesen. Bedeutet das Nirwana „persönliches Heil“, „Abschneiden der Begierde“, „Löschen des Durstes“, „Befreiung vom Hass“, „Entrinnen aus der Täuschung“, „einen Zustand vollkommener Weisheit“, „Rettung“ und dergleichen, so unterscheidet es sich nicht von dem Zustand, in dem im Brahmanismus der Atman eins mit Brahma wird. In diesem Fall unterscheidet sich der Buddhismus nicht mehr vom Brahmanismus.
Gautama sprach: Es ist wahrlich schwer, gewöhnlichen Menschen zu predigen. Sie hängen an niedrigem Aberglauben und folgen bereitwillig allem, was ihnen ihre Gefühle zuflüstern.342
Die Erde Indiens nahm Gautama damals nicht auf. Sie nimmt den Buddha auch heute nicht auf. Der Brahmanismus kehrte nach einem kurzen Rückzug mit Macht zurück (捲土重來) und schlug fester denn je Wurzeln in der Erde Indiens. Ebenso ist es mit Jesus. Galiläa war Jesus feindlich gesinnt. Es nimmt ihn auch heute nicht auf. Das Judentum eroberte Galiläa fester als zuvor zurück. Es scheint, dass die Propheten dazu bestimmt sind, in ihrer Heimat verfolgt zu werden. Die Apostel Jesu hüllten seine klare Lehre, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, in allerlei Mythen und Dogmen. Die Schüler Gautamas taten dasselbe. Sie erfanden den Mythos des Nirwana und hüllten darin die wahre Lehre des Buddha, das Mitgefühl.
Der Buddha erhob sich gegen den Brahmanismus, weil der Zustand des Nirwana, von dem dieser sprach und in dem Atman und Brahma eins werden (Brahmanic Nirvana), ein kaltes und dürres persönliches Heil ohne jede Rücksicht auf andere bedeutete. Der Buddha warf den brahmanischen Priestern einmal vor, nicht für die Erlösung der Wesen zu wirken und kein Mitgefühl für andere zu haben. Darum muss man das Nirwana in Verbindung mit dem Mitgefühl für andere denken. Das Nirwana, das der Buddha lehrte, konnte man nicht allein erreichen. Es ist ein Nirwana, das man durch die anderen erreicht.
Im Alltagsleben der Inder seiner Zeit sah der Buddha das Dukkha (苦: Schmerz und Qual). Und um dieses Leiden zu beseitigen, suchte er die Begierde zu beseitigen. Darum predigte der Buddha das Nirwana als das Nichts (無) oder das Leere (空). Doch das menschliche Herz kann nicht nichts oder leer bleiben. Das Gesetz „Die Natur verabscheut das Leere“ (Nature abhors vacuum) gilt auch für das menschliche Herz. Reißt man aus dem menschlichen Herzen die schlechten Begierden aus, die Hass, Neid, Kampf und Zwietracht verursachen, so muss etwas anderes ihren Platz einnehmen. Der Buddha meinte, dieser Platz müsse genau mit Mitgefühl gefüllt werden.343 Wenn die negativen Begierden aus dem menschlichen Herzen verschwinden und es sich mit einer positiven und fruchtbaren Begierde füllt, das heißt mit Mitgefühl, dann kommt der Mensch zu dem Gefühl, sich nicht mehr von den anderen zu unterscheiden.
Das Nirwana kann also nur durch die Beziehung zwischen sich und den anderen, das heißt durch das Mitgefühl, erreicht werden. Das Nirwana ist untrennbar vom Mitgefühl. Das Nirwana ist das vollendete Mitgefühl, und das reine Mitgefühl ist das Nirwana. Gerade der Augenblick, in dem man in dieser Erkenntnis die Einheit von dir und mir und darüber hinaus die Einheit von mir mit Natur und Universum erfährt, ist der Augenblick, in dem man das Nirwana erfährt.344 Nach der buddhistischen Legende erfuhr der Buddha diesen Zustand mit fünfunddreißig Jahren. Und er suchte ihn allen Wesen kundzutun.
2) Wie können Gottesverehrung und Nächstenliebe vermeiden, einander zu widersprechen?
Auf die Frage „Warum leben wir?“ kann eine einfache Antwort die Hingabe an den Fortschritt sein. Eine Vision zu verfolgen, kann der sicherste Weg sein, dem Leben einen Sinn zu geben. Der Fortschritt kommt dazu, eine Vision anzustreben, die der Geist vorangehend verfolgt. Die Verfolgung einer Vision ist das Kennzeichen der westlichen Zivilisation, von der Offenbarungsreligion bis zum Zeitalter der Ideologien des 20. Jahrhunderts. Das Problem ist, dass im Licht der Geschichte jede Verfolgung einer Vision daran scheitert, das zuerst gesetzte Ziel zu erreichen. Zugleich geht dabei die Ethik verloren. Die Vision, die Offenbarungsreligion oder Ideologie vorlegen, besteht darin, die Lehre Gottes oder die metaphysische Wahrheit zu verbreiten und ihr zu folgen, und setzt man sie eifrig um, so kann man nicht anders, als die Nächstenliebe zu verletzen. Sie ruft hervor, was man den Konflikt zwischen Ethik und Vision nennen kann.
Konfuzianismus und Christentum unterscheiden sich nicht darin, dass sie eine einzige und gleiche Ethik vorlegen, die Nächstenliebe. Doch zwischen Konfuzius und Jesus zeigen die Gespräche und die Bibel einen deutlichen Unterschied. Bei Konfuzius ist die Lehre klar und deutlich. Konfuzius erkannte keinen anderen Wert an, der der Herstellung der Beziehungen zwischen den Menschen im Weg stünde. Er hält an einem tiefen Humanismus fest, nach dem sich das Ren (仁) nur durch menschliche Mühe verwirklichen kann. Mit anderen Worten: Er interessiert sich durch und durch allein für die wirkliche Welt und verweigert dem Jenseits, dem Tod oder Gott jede Rolle und jedes Dasein. Die Lehre des Konfuzius „In Sachen des Ren weicht man nicht einmal dem eigenen Lehrer“ (Gespräche 15,35, „Wei Ling Gong“) bedeutet das. Der Sinn des Ren ist, dass man einem guten Lehrer oder guten Gefährten begegnen und es gemeinsam verstehen muss; das Ren vollzieht sich weder durch die Lehre der Schriften noch durch das Eintrichtern eines Lehrers noch durch das Gebot oder den Zwang Gottes. Die einzige Ethik, die der Osten der menschlichen Gesellschaft vorlegt, drückt sich in der politischen Ethik auch gut in der Philosophie des Führenden aus, der „zusammenwirkt, ohne gleich zu sein“: „Der Führende wirkt zusammen, ohne gleich zu sein. Der Teilnehmende ist gleich, wirkt aber nicht zusammen“ (Gespräche 13,23).
Doch bei Jesus ist die Lehre, die seine Schüler hinterlassen haben, nicht so deutlich wie bei Konfuzius. Nach dem Neuen Testament nimmt er eine Haltung ein, die sich um diese Welt und die andere, um Leben und Tod, um die Menschen und um Gott kümmert. Seine Lehren lassen sich in zweien zusammenfassen: Glaube und Liebe. Das Christentum hat seine Haltung durch ein ausdrückliches Gesetz bekräftigt: „Das Gesetz Gottes ist zweifach. Das erste ist, Gott anzubeten, und das zweite ist, deinen Nächsten zu lieben wie dich selbst“ (Markus 12,30–31; Matthäus 22,36–40). Zugleich wird die Lehre der Nächstenliebe, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, klar vom Apostel Jakobus überliefert: „Der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er tot … So sehet ihr nun, daß der Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein“ (Jakobus 2). Letztlich hat das Christentum zwei absolute Lehren: die Nächstenliebe und die Anbetung Gottes. Es lehrt zugleich die Ethik und den Glauben.
Doch geschichtlich sind die „Nächstenliebe“ (love your neighbor) und die „Anbetung Gottes“ (obey your God) sehr oft zusammengestoßen.
Dass Glaube und Ethik einander nur verraten können, ist ein Kennzeichen der Zivilisation Gottes. Gibt es einen einzigen Weg, auf dem sich Glaube (Gesetz) und Ethik (Liebe) nicht widersprechen, so ist es der, zu glauben, dass „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ das einzige Gesetz Gottes ist. In diesem Fall werden Ethik und Glaube ein und dasselbe, und die Ethik wird absolut, etwas, das man in keinem Fall beiseiteschieben darf. Doch der so gesehene Glaube ist weit entfernt von der Bestimmung des Glaubens, die die westlichen Menschen hatten, denn es ist eine Erklärung, nach der die Ethik vor dem Glauben kommt. Tatsächlich stiftet selbst der Apostel Paulus, der bei der Ausbreitung des Christentums die Schlüsselrolle spielte, Verwirrung, indem er bald den Glauben, bald die Liebe verficht:
Der Glaube: So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. (Römer 3)
Die Liebe: Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Korinther 13)
Diese Lehren scheinen im Lauf der Ausbreitung des Christentums entstanden zu sein. Viele Denker haben geschrieben, das im Alten Testament verzeichnete Gesetz Gottes sei ein Gesetz, das die Menschen sich ausgedacht haben (oder das sie durch Offenbarung von Gott empfangen zu haben glaubten), in Wunder gehüllt. Tatsächlich gibt es Unterschiede nicht nur zwischen dem geschichtlichen Leben Jesu und dem von den Aposteln berichteten Leben Jesu im Neuen Testament, sondern auch zwischen den Leben Jesu, die die Apostel selbst geschildert haben. Wie sich das Christentum im Lauf der Geschichte tatsächlich vielfach gewandelt hat, indem es etwa unter dem Einfluss des Kults der ägyptischen Göttin Isis oder der griechischen Göttin Artemis, ohne Bezug zur Lehre Jesu, die Jungfrau Maria verehrte345, so scheinen auch die Evangelien, in dem Maß, wie sich das Christentum in jeder Gegend des Mittelmeers ausbreitete, viele örtliche Glaubensvorstellungen und Mythen übernommen zu haben:
Damit die neue Lehre die Ohren nicht verletze, passten die Apostel sie, so sehr sie konnten, dem Geschmack der Menschen ihrer Zeit an und errichteten ihre Lehre auf den in jener Zeit bekanntesten und am meisten angenommenen Grundlagen 346
Tatsächlich schwankt das Christentum, wie die Geschichte es zeigt, trotz der wichtigen Rolle Jesu in Sachen der Ethik zwischen zwei Sendungen: „Jahwe von ganzem Herzen und mit aller Kraft anbeten“ und „seinen Nächsten lieben wie sich selbst“. Die Nächstenliebe ist die einzige Ethik der Menschheit, doch jedes Bekenntnis und jede Körperschaft hat gezeigt, dass sie eher ihrem eigenen Grundsatz der Selbsterhaltung folgte als der Nächstenliebe. Die päpstliche Lehre „Außerhalb der Kirche kein Heil“ zeigt, dass der Grundsatz der Selbsterhaltung über die Nächstenliebe siegt. Ebenso verhält es sich mit den Bekenntnissen innerhalb des Christentums. Das geschichtliche Christentum hat Bekenntnis um Bekenntnis gegründet. Jedes stellte um seiner Erhaltung willen verschiedene Formen voran und behauptete, recht zu haben. Voltaire hat es bemerkt:
Jede Sekte, gleich welcher Art, ist der Sammelplatz des Zweifels und des Irrtums. Skotisten, Thomisten, Realisten, Nominalisten, Papisten, Calvinisten, Molinisten, Jansenisten sind nur Kriegsnamen. Es gibt keine Sekte in der Geometrie; man sagt nicht ein Euklidianer, ein Archimedianer. Wenn die Wahrheit offenkundig ist, ist es unmöglich, dass sich Parteien und Fraktionen erheben. Nie hat man darüber gestritten, ob es am Mittag Tag ist. 347
Dieser Widerspruch zwischen Glaube und Ethik tritt in der östlichen Zivilisation des Dao nicht auf. Denn es gibt keinen Platz für ein absolutes Wesen, das die Natur erschaffen hätte, und die Natur selbst wird als Dao zur Stütze der für den Menschen wichtigsten Ethik. Darum wurde in der Zivilisation des Dao das Ren (仁), das heißt die Nächstenliebe, philosophisch unverändert als höchste Ethik angenommen. Zerlegt man das Schriftzeichen 仁, so bedeutet es „zwei Menschen“. Mit anderen Worten: Es erkennt keine Autorität und keine Lehre an, die sich in die Beziehung zwischen einem Menschen und einem anderen einmischen könnte. Das Kennzeichen der östlichen Zivilisation des Dao ist, jede Wesenheit oder jeden Wert zu verneinen, der sich in die Ethik des Ren einmischt. Die Bibel hat dieselbe Philosophie: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Ebenso ihre klare Bekräftigung der „Liebe des Samariters“ (Samaritan Love): alle Menschen zu lieben, welches auch ihr Stamm sei.
Doch im Theozentrismus wurzelte das Gebot, nach dem der Befehl Gottes vor der Ethik der Familienbeziehungen gehen muss, weit tiefer als im Osten. Die Bedeutung des Gesetzes wird im Judentum unablässig betont und wiederholt sich im Christentum. Ein Konflikt mit dem christlichen Gebot der Nächstenliebe, der Lehre des Samariters, kündigt sich darin an:
Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden. Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und reckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, derselbe ist mein Bruder, Schwester und Mutter. (Matthäus 12)
In der Zivilisation Gottes war das Gesetz der Gottesverehrung für die Selbsterhaltung unentbehrlich, und auch die Nächstenliebe, die einzige Ethik der Menschheit, war es. Doch die Geschichte zeigt Fälle, in denen sich in der westlichen Zivilisation diese beiden Lehren, Religion und Ethik, widersprechen. Wie den Widerspruch vermeiden? Ist die absolute Wahrheit einmal ausgedrückt, so muss man, um sie vor dem Widerspruch zu schützen, die „Unfehlbarkeit“ (infallibility) des Ausdrucks behaupten. Auf dieser Grundlage behauptet die westliche Religion die Unfehlbarkeit der Bibel und der Kirche. Doch nach der Logik des 道可道非常道, das Dao, das sich sagen lässt, ist nicht das ewige Dao, kann die absolute Wahrheit nicht ausgedrückt werden. Dieselbe Philosophie drückt sich im Konfuzianismus aus. Die Formel „Der Führende ist kein Gerät“ (Gespräche 2,12) enthält den Gedanken, dass sich das Ren nicht in metaphysischer Lehre ausdrücken lässt. Das Wesentliche ist, dass sich das Ren nicht durch bloße Nachahmung bildet: Man muss es sich selbst aneignen. Das Ren ist kein von außen durch Lernen erworbenes Wissen, sondern eine Ethik, die in einem selbst wachsen muss und sich durch die Übung vollendet.
Weil das Dao ewig, unveränderlich ist und niemandem gehört, gibt es der Ethik ihre Absolutheit und macht es zugleich jedem unmöglich, zu behaupten, er besitze eine absolute Ethik oder habe sie entdeckt. Der Konfuzianismus betont diesen Charakter der Ethik, was ihn stark vom westlichen religiösen Dogma unterscheidet. Menzius erklärte: „Alles zu glauben, was das Buch der Urkunden (書經) sagt, ist schlimmer, als kein Buch der Urkunden zu haben“ (Mengzi, VII, „Jin Xin“, zweiter Teil). Dieser Gedanke wird von Konfuzius als eine für das gesellschaftliche Leben nötige Tugend erklärt: „Der Führende ist in Harmonie, ohne gleich zu sein (和而不同); der Teilnehmende ist gleich, ohne in Harmonie zu sein (同而不和).“ Das ist die Philosophie, nach der die Führenden zusammenwirken können, ohne dieselben Gedanken zu teilen, während die Teilnehmenden äußerlich übereinstimmen, ohne wirklich denselben Sinn zu teilen. Es ist eine Gesellschaftsphilosophie, die der westlichen Lehre vom Offenbaren entgegensteht, die das Absolute betont.
Die Unfehlbarkeit wird zum Dogma und geht schließlich den Weg ihrer Verneinung in der Wirklichkeit. Wie gelangt die einzige absolute und lebenswichtige Wahrheit der Welt zum Menschen? Sie kommt von Gott zum Menschen durch den Propheten, der Gott und Mensch verbindet. Im Monotheismus wird das Gesetz wichtig, und es hat den unbedingten Gehorsam des Menschen gegenüber Gott zum Ausgangspunkt. Hier tritt im wirklichen Leben ein Problem auf. Hätte es in der Geschichte nur einen einzigen Gott gegeben, der die absolute Macht und Wahrheit vertritt, so gäbe es kein Problem. Doch zwei- oder dreitausend Jahre menschlicher Geschichte zeigen eine andere Wirklichkeit.
Was geschieht, wenn es mehrere einzige Götter gibt? Judentum, Christentum und Islam erscheinen als Kampf zwischen einzigen Göttern. Bisher hat kein einziger Gott einen anderen beseitigt. Und auch innerhalb desselben einzigen Gottes entstehen Probleme. Wenn innerhalb einer Religion verschiedene Deutungen entstehen, was wird dann aus ihren Beziehungen? Jede kann nur ihre Deutung für absolut erklären. Ein Kampf um die Selbsterhaltung zwischen ihnen wird dann unvermeidlich. Darum ist, wenn in einem Monotheismus verschiedene Bekenntnisse entstehen, der Kampf zwischen ihnen nicht weniger heftig als der Kampf gegen andere Religionen. Ein verzweifelter Kampf ums Überleben bricht aus, wie ein Bürgerkrieg in einem Land. Der furchtbare Kampf zwischen Protestanten und Katholiken in der Reformationszeit beweist es. Die Gläubigen ehren den, der die Offenbarung empfangen hat, als Propheten und gehorchen ihm unbedingt, denn das Wort des Propheten wird zum Wort Gottes.
Die Rolle Jesu liegt in einer Ethik, die das Gesetz des Judentums übersteigt, doch geschichtlich hat das Christentum die Spur einer größeren Anhänglichkeit an das Gesetz hinterlassen. Die polytheistischen Systeme Griechenlands und Roms duldeten die Verehrung anderer Götter. Doch nachdem das Christentum im 4. Jahrhundert Staatsreligion Roms geworden war, wurden im Westen die Bilder und Statuen anderer Götter als des christlichen Gottes durch das Gesetz in großem Umfang zerstört. Geschichtlich war das Christentum die ausschließendste und unduldsamste Religion der Erde.348 Und nach der Renaissance erbten die westlichen Metaphysiker unverändert die unduldsame Haltung der christlichen Theologen des Mittelalters. Bei Marx fand sie ihren äußersten Ausdruck. Marx sah diese Welt nach der Schwarz-Weiß-Logik von Gut und Böse und hielt jeden, der sich nicht auf seine Seite stellte, unbedingt für einen Feind. Er hielt die Verfolgung der Gegner für nötig, um das von der Geschichte „bewiesene“ proletarische Utopia zu errichten: „Marx sah diese Welt schwarz-weiß und hielt jeden, der sich nicht auf seine Seite stellte, unbedingt für einen Feind. Er wusste klar, auf welcher Seite er stand, und war sicher, für sie zu kämpfen und dass sie am Ende siegen würden.“349
Wie Spinoza erklärte, bestehen alle Dinge im Universum, den Menschen eingeschlossen, um sich zu erhalten. Jede andere Erklärung, das Dao und Gott eingeschlossen, die Rolle des Geistes, die Rolle von Ethik und Gesetz, ist nur in dem umfassenden Grundsatz der Selbsterhaltung enthalten. Die östlichen und die westlichen Menschen bestehen und handeln als dieselben Menschen, Homo sapiens, nur, um sich zu erhalten. Nach diesem Grundsatz der Selbsterhaltung haben östliche und westliche Menschen verschiedene Zivilisationen geschaffen und sich nur bemüht, sich zu erhalten. Philosophisch umfasst der Grundsatz der Selbsterhaltung zugleich das eigene Interesse und das des Nächsten. Doch wir haben lange in einem Grundsatz der Selbsterhaltung gelebt, der nur das eigene Interesse sieht. Dieser Grundsatz, der nur das eigene Interesse sieht, hat sich in der Zivilisation Gottes oft des Begriffs Gottes bedient. Und bei der Verfolgung dieses Zwecks betont er die Rolle des „Geistes“. Die Zivilisation Gottes zeigt diese Lage oft. Wird die Rolle des Geistes betont, so geschieht die Trennung von Geist und Instinkt. An einen übernatürlichen Gott zu glauben, ist nur auf der Trennung von Geist und Instinkt möglich. Die Trennung von Geist und Instinkt ist die Kehrseite der Trennung von Mensch und Natur, und sie trennt notwendig dich und mich.
Darum bedeutet „Jahwe von ganzem Herzen und mit aller Kraft anbeten“ letztlich die Trennung von Gläubigem und Ungläubigem, von dir und mir. Hat nicht tatsächlich der Krieg zwischen denen, die Jahwe von ganzem Herzen und mit aller Kraft anbeten, und denen, die Allah von ganzem Herzen und mit aller Kraft anbeten, im Mittelalter begonnen und dauert bis heute an? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ dagegen fordert, dich und mich nicht zu trennen. Auch zweitausend Jahre christlicher Geschichte zeigen, dass Glaube und Ethik nicht zusammengestimmt haben. Im menschlichen Wesen kommt die übergeordnete Stellung des Geistes über den Instinkt von Gott. In der christlichen Lehre nimmt der Geist eine besondere Stellung ein, die allein der Mensch von Gott empfängt. So kam eine Philosophie, die das Dasein Gottes und das Dasein des menschlichen Geistes gleichsetzt, dazu, die westliche Zivilisation Gottes zu durchdringen. Und das hatte einen unbedingten Einfluss auf die Ethik zwischen den Menschen. Wird die Fähigkeit des Geistes verallgemeinert und verabsolutiert, so verwandeln sich ihre Schlüsse leicht in Glauben, metaphysische Wahrheit oder Ideologie. Diese Schlüsse werden dann zum wichtigsten Ziel des Menschen und zur absoluten Wahrheit. Vor dieser absoluten Wahrheit müssen Ethik und jede andere Rücksicht geopfert werden.
Nimmt man die Vorbedingung an, der Freiheit des neuen Gehirns im Schicksal zu folgen, der menschlichen Lage, für die das alte Gehirn steht, und errichtet man die Ethik auf dieser Grundlage, so gibt es keinen Konflikt zwischen Glaube und Ethik. In diesem Fall bewährt sich der Humanismus. Die Nächstenliebe wird zu einer unverletzlichen Ethik. Doch erkennt man das Schicksal nicht an, so bricht die Ethik zusammen, und der Humanismus entartet zum Anthropozentrismus. Der Osten behauptet, es gebe eine Natur, und in ihren Grenzen könnten Ethik und Erziehung aus einem Menschen einen Menschen machen. Worauf es hier ankommt, ist die Ethik. Das westliche unbeschriebene Blatt erlaubt, die Ethik zu verlassen; das Ziel des Ostens ist, Menschen zu bilden, die auf die Ethik gegründet sind. Folgt man Religion, Metaphysik und Ideologie, so kommt man manchmal dazu, die wichtigste Ethik der Menschheit, die „Nächstenliebe“, zu missachten oder zu übergehen. Juden, Christen und Muslime sind nicht mit ihrer Religion geboren: Sie haben sie unverändert von ihren Eltern gelernt. Auch Imperialismus, Kommunismus und Faschismus sind nicht angeboren: Man hat sie von den Eltern und in der Schule gelernt. In den Religionskriegen und den ideologischen Kriegen wird die Ethik der „Nächstenliebe“ missachtet, denn alle stellen einen Himmel oder ein Utopia voran, die sie für höher halten als die Nächstenliebe. Der Konflikt zwischen dem Fortschrittsgedanken und der Ethik ist unvermeidlich.
Der Fortschrittsgedanke entsteht aus der Verabsolutierung der Fähigkeit des Geistes. Das ist das Kennzeichen der westlichen Zivilisation. Die westliche Zivilisation neigt dazu, die Fähigkeit des Geistes nicht als eine der biologischen Funktionen der Menschheit zu sehen, sondern sie als eine besondere Fähigkeit zu behandeln, die von allen körperlichen Fähigkeiten getrennt ist, und trennt so Geist und Instinkt. Der äußere Ausdruck der Trennung von Geist und Instinkt ist die Trennung von Mensch und Natur; umgekehrt ist der innere Ausdruck der Trennung von Mensch und Natur die Trennung von Geist und Instinkt. Als Erzeugnis einer Kultur des Geistes, die Geist und Instinkt getrennt hat, neigt sie natürlich dazu, den Instinkt zu verneinen, zu missachten und für sündhaft zu halten. Der Katholizismus verneinte, indem er die Erbsünde vertrat, den Instinkt zugunsten des Geistes, und der Protestantismus änderte nur die Ausdrücke: Die Teilung von Geist und Instinkt ging weiter. In den Beziehungen zwischen den Menschen erzeugte diese Teilung, indem sie Gläubige und Atheisten trennte, die Neigung, dich und mich zu trennen. Wie man bei Calvin und Luther sieht, wurde die Liebe zu sich selbst für sündhaft gehalten oder verboten, und bei Kant fand das einen philosophischen Ausdruck: Die Liebe zu sich selbst wurde als völlig wertlos angesehen.350 Das Wort Jesu „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wurde zu „Liebe deinen Nächsten und liebe dich selbst nicht“ oder einfach „Liebe nur deinen Nächsten“ entstellt.
Letztlich ist der Konflikt zwischen der Verfolgung einer Vision, den Glauben eingeschlossen, und der Ethik unvermeidlich. Denn die von denen, die die Anbetung Gottes verkünden, geschaffenen Organisationen suchen nach dem Grundsatz der Selbsterhaltung zu überleben. Wenn Nächstenliebe und Anbetung Gottes in Widerspruch geraten, entsteht schließlich ein Konflikt der Erhaltungsinteressen zwischen der allgemeinen Ethik der Menschheit und dem Priesterstand, der Gott hütet. Um sich zu erhalten, bringt die Kirche die Lehre vor: „Außerhalb der Kirche kein Heil.“ In der Zeit der Welteroberung durch den Westen, die der Westen das Zeitalter der Entdeckungen (Age of Discovery) nennt, verkündete der Westen im Namen des Papstes Erlasse, nach denen „die Nichtchristen in der ganzen Welt versklavt werden müssen“. Jahrhundertelang begrüßten die westlichen Menschen diese Erlasse. Sie waren weit entfernt von der Ethik der Nächstenliebe Jesu gegenüber dem Samariter. Ihr Ziel war vielmehr, die Macht der Kirche oder des Staates zu begründen und auszudehnen. 351
3) Ist die Ethik ein Gebot Gottes oder ein Rat der Natur?
Die Nächstenliebe ist eine der wichtigsten Lehren des Christentums. Was die westlichen Menschen ihren Nächsten lieben ließ, ist das Gebot Gottes. Es ist die Grundlage der westlichen Ethik. Die Nächstenliebe steht nicht im Dienst des eigenen Eigennutzes. Darum sehen die westlichen Menschen die Uneigennützigkeit als aus der Selbstaufopferung kommend. Die westliche Philosophie meint, die Ethik komme aus der Selbstaufopferung. Im westlichen philosophischen System sind die Grundlagen schwach, Uneigennützigkeit (Nächstenliebe) und Eigennutz in der Lehre von der menschlichen Natur zu versöhnen.
Da in der westlichen Zivilisation die Ethik ein Gebot Gottes ist, kann sich der Mensch, wenn Gott nicht in die menschlichen Angelegenheiten eingreift, von der Ethik befreien, die Gott geboten hat. Gibt es keinen Gott, so braucht man sein eigenes Interesse nicht mehr zu opfern. Mit anderen Worten: Die Frage entsteht: „Wenn es keinen Gott gibt, warum soll ich meinen Nächsten lieben?“ Dann kommen die, die die Religion aufgegeben haben, dazu, sich zu fragen, warum sie die Ethik bewahren sollten.
Es ist schwer zu verstehen, wie in Ländern wie China anders als in Europa der religiöse Skeptizismus nicht den ethischen Skeptizismus nach sich gezogen hat. 352
Auch nach dem Deismus stießen die westlichen Denker auf schwierige Probleme in Bezug auf Glaube und Ethik. Comte rief, indem er Theologie und Metaphysik verwarf, „das einzige Absolute ist, dass alles relativ ist“, und zeigte damit eine Haltung, die im Grunde dem „Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt“ Dostojewskis gleicht; und auch Nietzsche erklärte sich zum Atheisten.
„Gott“, „Unsterblichkeit der Seele“, „Erlösung“, „Jenseits“ lauter Begriffe, denen ich keine Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind nicht – ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? … Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebnis, noch weniger als Ereignis: Er versteht sich bei mir aus Instinkt.353
Russell erklärt: „Ich bin kein Christ“, und auch Lin Yutang, der dem Westen eine Seite der chinesischen Zivilisation bekannt machte, erklärte: „Ich bin Atheist“, bevor er 1959 zum Christentum zurückkehrte.354 Diese Haltungen zeigen, dass sie weder das Wesen des Christentums verstanden haben, das Spinoza so klar dargelegt hat, noch das Wesen des Gedankens des Ren (仁), den Konfuzius uns mit so viel Mühe hinterlassen hat. Comte, Dostojewski, Nietzsche, Russell, Lin Yutang und andere können vom Standpunkt des östlichen Denkens aus nicht Atheisten, sondern Denker des Nicht-Offenbaren sein. Das negative Urteil des Westens über die Atheisten ist die Haltung von Denkern, die den Unterschied zwischen dem Offenbaren und dem Nicht-Offenbaren nicht denken konnten; es geht aus dem Willen hervor, die Angelegenheiten der Welt und die Geschichte der Philosophie allein vom westlichen Standpunkt des Offenbaren aus zu untersuchen, und wird zu einem ungeheuren philosophischen Problem, das allein dem Westen eigen ist, vor allem auf der Ebene der Ethik.
Selbst ein Philosoph wie Russell scheint den wesentlichen Unterschied zwischen den Zivilisationen des Ostens und des Westens nicht verstanden zu haben. Ohne die aus der östlichen Naturphilosophie hervorgegangene Lehre von der menschlichen Natur zu verstehen, kann man nicht verstehen, dass die Ethik der Ausdruck eines Eigennutzes im Dienst des Selbst ist. Dieses schwierige Problem wird von den westlichen Naturalisten gelöst. Sie erkennen keine unbedingte Verbindung zwischen Offenbarungsreligion und Ethik an. Sie haben begonnen zu verstehen, dass die Ethik kein Gebot Gottes ist, sondern ein Rat der Natur. Auch Dawkins äußert Zweifel an der Rolle, die die westliche Offenbarungsreligion der Religion in Sachen der Ethik beimisst:
Religiöse Menschen fragen sich oft, wie man ohne Religion gut sein kann und warum man es sein sollte. 355
Der Deismus stellt den westlichen Menschen das ernste Problem, wo die Quelle der Ethik zu finden sei. Als die Metaphysik, weit davon entfernt, den christlichen Gott, der schon von der mittelalterlichen Theologie getroffen war, wiederzubeleben, seinen entscheidenden Sturz beschleunigte, begannen die westlichen Menschen, alles Absolute zu verneinen. Das Verschwinden der Ethik ist die Aufgabe, vor der die meisten westlichen Menschen stehen, die in einer Zivilisation des Offenbaren gelebt haben. Die westlichen Menschen, die den Deismus (理神論) des 18. Jahrhunderts, Darwins Evolutionismus im 19. und die Gewaltherrschaft der Ideologien im 20. erlebt haben, haben in Sachen der Ethik ihren Weg verloren. Der Deismus bringt auf den Satz hin, Gott existiere, könne aber nicht durch die Offenbarung, sondern durch das Denken des Geistes verstanden werden, und der Geist könne Moral und Wahrheit entdecken, als Quelle der Ethik den kategorischen Imperativ Kants (1724–1804) vor, doch es fehlt ihm an Überzeugungskraft, denn sein metaphysischer, auf den Rationalismus gegründeter Teil ist groß.
Rousseau (1712–1778) brachte eine menschliche Natur vor, die sich von der der Offenbarungsreligion unterscheidet. Er behauptete, der Mensch werde gut geboren, doch die menschliche Zivilisation mache den guten menschlichen Charakter schlecht. Darum erklärte er, worauf es beim Menschen ankomme, sei die Empfindsamkeit (sensibility), der Ausdruck der ursprünglichen menschlichen Natur. Und er brachte die Hypothese vor, alles sei gut, wenn der Mensch nach seiner Empfindsamkeit handle, und fand im ganzen Westen großen Beifall. Den Menschen zu sagen, sie sollten ihrer Empfindsamkeit trauen, läuft auf die Behauptung hinaus, selbst ein Handeln unter Missachtung der Ethik sei unbedenklich, da es das Handeln von Menschen sei, die ursprünglich gut sind. Schließlich erklärte er, das wichtigste Element beim Menschen sei, „Empfindsamkeit und ein warmes Herz“ zu haben.
Diese Lage flößte den Europäern die Neigung ein, die wir „Romantik“ nennen. Ihre neue Freiheit genießend, kamen sie dazu, die der Zivilisation eigene Ethik zu missachten, da sie meinten, was den Menschen schlecht mache, hänge mit der Zivilisation zusammen. Im Gesellschaftsvertrag behauptet Rousseau: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“ Darum erscheint in diesem Augenblick, in dem man die Romantik verkündete, im Westen eine eigentümliche Art von Menschen: die, die Rousseaus Empfindsamkeit tatsächlich in die Tat umsetzten. Rousseau, Sade (1740–1814), Byron (1788–1824), Shelley (1792–1822) und andere gehören zu ihnen.
Sie verkündeten ein Leben, das nur der eigenen Empfindsamkeit folgt, da alles Schlechte die Schuld der Zivilisation sei, die die Menschen gemacht haben. Sie fanden es alle natürlich, sich von ihren Freunden Geld zu leihen, ohne es zurückzugeben; alle hatten ungeordnete Liebschaften und machten den Verrat zur Gewohnheit; sie handelten, wie es ihnen ihre Instinkte eingaben, verachteten das Halten von Versprechen wie die Treue und lehnten sich gegen jenes Gefühl auf, das die Ethik ist und das die Gesellschaft zu bewahren suchte. Von Geist und Leidenschaft entfernte sich Rousseau vom Geist und stellte sich entschieden auf die Seite der Leidenschaft. Und Rousseau schätzte die Religion nicht von der Seite des Geistes, sondern der Empfindsamkeit her und stützte die Religion durch Gefühl, Herz, Ehrfurcht, Mystik und dergleichen. Rousseau selbst nahm, indem er alle seine Kinder einem Findelhaus übergab, die Haltung ein, er dürfe nach seiner Empfindsamkeit leben, wie es ihm gefiel.
Nach Rousseau trat das Zeitalter des Geistes in das Zeitalter der Ideologien (Age of Ideology) ein, und der Deismus wurde durch die Ideologie ersetzt. Die Ethik wurde zur Dienerin der Ideologie. Die Ideologie glaubte, die Menschen könnten zusammenwirken, um in dieser Welt eine ideale Welt, ein Utopia, zu errichten. Es ging darum, die Ethik „vorläufig“ zu opfern, um das Ziel des bald kommenden Utopias zu erreichen. Das wird zu einer Logik, die die Grundrichtung der Ethik missachtet und erbarmungslose Diktatur und Krieg rechtfertigt. Kommunismus und Faschismus sind die Beispiele dafür. Der Kommunismus hat einen von Karl Marx vorgebrachten diktatorischen Kodex von zehn Geboten: zehn Maßnahmen eines diktatorischen Systems, den Zehn Geboten der Bibel nachgebildet. Dieser Kodex umfasst die Überführung aller Produktionsmittel in die Hand des Staates, die Einziehung allen Eigentums der Emigranten und Rebellen, die Zentralisation aller Verkehrsmittel in den Händen des Staates und anderes mehr. Die Zehn Gebote, die in der Bibel zur Norm der Ethik geworden waren und die westlichen Menschen die Ethik streng hatten beachten lassen, wurden durch zehn Gebote der Diktatur ersetzt. Auch Hitler handelte, wie es ihm gefiel: die Teilung Polens mit der Sowjetunion, der darauf folgende Einmarsch in Polen, der Angriff auf die Sowjetunion. Hitler rühmte sich dieser Taten als des wirksamsten Mittels, sein Utopia zu erreichen. Die Vernichtung der Juden stellte er als unentbehrliche Maßnahme zur Erreichung desselben Utopias hin. Das Problem ist, dass diese Taten, da sie in sich zutiefst unethisch sind, die „Nächstenliebe“ verletzen, die die Propheten der Menschheit vorgelegt haben. Und in der Wirklichkeit wird, wenn sich das Utopia nicht verwirklicht, das „Vorläufig“, bis es sich verwirklicht, „ewig“, und das ethisch zerstörerische Handeln tritt als das größte Problem der Ideologie hervor.
Vor dem Deismus wurde die wichtigste Ethik zwischen den Menschen durch den Konflikt zwischen Gottesverehrung und Ethik beschädigt; nach dem Deismus, als die Welt eine Welt ohne Gott wurde, führte das zu einer Lage ohne Ethik. Nicht nur wurden die Zehn Gebote und die Nächstenliebe, die Gott als Gesetz eingesetzt hatte, offen mit Füßen getreten, sondern das Zeitalter der Ideologien schuf eine verblüffende Welt, in der sich eine neue Ethik, die an ihre Stelle trat, die „Anti-Ethik“ zur Verwirklichung des Utopias, als „Ethik“ ausgab. Diktatur und ethnische Säuberung wurden zu ihrer „Ethik“. Sie schufen eine Welt, in der sich drei Ideologien, Kolonialismus, Kommunismus und Faschismus, in einem Kampf auf Leben und Tod ineinander verstrickten. Dafür scheuten die westlichen Menschen im 20. Jahrhundert nicht vor zwei Weltkriegen zurück. Und danach trieben sie die Welt in den Kalten Krieg.
Seit dem Auftreten des Deismus irren viele westliche Denker auf der Suche nach dem Ursprung der Ethik umher. Woher soll die Ethik kommen? Wie wir untersucht haben, suchte Kant die Ethik durch eine auf den Geist gegründete „transzendentale moralische Pflichtenlehre“ zu ersetzen. Dostojewski (1821–1881) rief: „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles möglich“, und bemühte sich, Gott wiederzubeleben. Nietzsche zielte auf einen sittlichen Übermenschen, nicht einen Superhelden (super hero) im Sinn der menschlichen Funktionen, sondern einen durch seinen eigenen inneren Willen geformten Menschen, sittlich frei von der christlichen Lehre.
Die östliche Philosophie zielte, wie man an Daoismus und Konfuzianismus sieht, von Anfang an auf ein auf die Ethik gegründetes Eingreifen in die Wirklichkeit. Die erste Bedingung, sich selbst recht zu machen, ist, die Harmonie von Eigennutz und Uneigennützigkeit zu verstehen. Ohne sie kann man weder die Familie noch das Land noch die Welt lenken: „Sich selbst recht machen, die Familie ordnen, das Land lenken, der Welt Frieden bringen“ (Das Große Lernen, 8. Kapitel). Im Osten war diese Philosophie schon vor zweitausend Jahren vollendet. Nicht die Uneigennützigkeit, sondern im Grunde der mächtige Eigennutz flößt der menschlichen Gesellschaft ihre ursprüngliche Kraft ein. Doch die Gesellschaft hält sich nur, wenn sie die schwache Uneigennützigkeit widerspiegelt, die in der menschlichen Natur vorhanden ist. Letztlich ist unsere ganze Philosophie mit der Lehre von der menschlichen Natur verbunden.
Ist die Uneigennützigkeit das Band, das eine gesunde Gesellschaft schafft, so wird die menschliche Gesellschaft zu etwas, das weit von der Natur entfernt ist. Doch es gibt einen Ausweg aus diesem Dilemma. Kann das, was auf den ersten Blick wie Uneigennützigkeit aussieht, vom Standpunkt des Darwinismus aus „eigennützig“ sein? Mit anderen Worten: Kann das Opfer eines Einzelnen letztlich dem Fortbestand seiner eigenen Gene dienen? Auf diese entgegengesetzten Sätze lautet die Antwort: Ja. 356
Vor dem Deismus gab es keinerlei Bedürfnis, den Menschen zu erforschen. Da der Mensch nach dem Bild Gottes gemacht war, hieß Gott erforschen, den Menschen erforschen. Der Mensch war ein Geschöpf, das mit der Erbsünde beladen geboren wurde, in der Welt ein Leben der Mühsal führte und dann vor das Jüngste Gericht trat. Doch als sie an den Deismus zu glauben begannen, nach dem Gott nicht in die menschlichen Angelegenheiten eingreift, kamen die westlichen Menschen zum ersten Mal dazu, sich auf der Ebene der Naturphilosophie zu fragen, was der Mensch ist.
Im Westen waren die Theisten die überwältigende Mehrheit, doch seit Kurzem sind die Theisten, die in die Kirche gehen, eine Minderheit geworden. Das heißt nicht, dass die westlichen Menschen Atheisten geworden wären. Eine gute Zahl von Atheisten gehört, ohne es selbst zuzugeben, zum Nicht-Offenbaren: Es sind Menschen, die sich wie Spinoza letztlich als Theisten bekennen, die an Gott glauben, aber nach dem Gesetz der Kirche als Atheisten behandelt werden. David Mills, Verfasser von Atheist Universe; Richard Dawkins, Verfasser von Der Gotteswahn; Christopher Hitchens, Verfasser von Der Herr ist kein Hirte: Sie sind im Westen Atheisten, können aber im Osten Denker des Nicht-Offenbaren sein. Sie glauben an die absolute Wahrheit, glauben aber nicht an einen durch Propheten offenbarten Glauben, wie ihn die Offenbarungsreligion vorlegt. Im Westen werden sie von den Anhängern des Offenbaren verurteilt, doch im Osten werden sie zu freien Denkern des Nicht-Offenbaren, die an die absolute Wahrheit glauben.
Wie man die Ethik in einer Welt ohne Gott bewahrt: Das ist eine Frage, die im Westen für viele die Aufgabe bleibt. Doch die Antwort muss nicht in der Lehre vom Offenbaren gesucht werden, die die absolute Wahrheit beansprucht, sondern in der vom Nicht-Offenbaren. Das 8. Kapitel des Daodejing erklärt, wie der Mensch leben soll: „Im Umgang suche die Gütigen. Im Reden sprich mit Treue. Im Regieren regiere mit Rechtschaffenheit. In der Arbeit tu dein Bestes. Im Handeln wähle die rechte Zeit.“ Das ist die Ethik des Dao, die jeder in der Natur finden kann, und nicht das Gebot Gottes.
Die östliche Zivilisation stützt sich auf eine Naturphilosophie, nach der auch ohne den Gott der Offenbarungsreligion die Ethik „für das eigene Interesse und das der anderen“ von selbst entstehen und sich halten kann. Die Quelle der Ethik ist das „wohlverstandene Eigeninteresse“, für andere und für sich. Das Wichtige ist, dass die Quelle der Ethik nicht das Gebot Gottes ist, sondern der der menschlichen Natur innewohnende Grundsatz der Selbsterhaltung, die sich selbst schützt.
Nach der menschlichen Natur muss der Instinkt und nicht der Geist die Quelle der Ethik sein; doch auf der Stufe, auf der sich die Ethik bildet, hat der Geist eine wichtige Rolle. Auf dieser Stufe kann der Geist auf den Instinkt einwirken. Auf der Stufe, auf der der Geist auf den Instinkt einwirkt, muss es im Instinkt eine Grundlage geben: Das ist die Uneigennützigkeit, die im Instinkt besteht. Betrachtet man die menschliche Natur, so enthält der Instinkt außer einem mächtigen Eigennutz eine schwache, aber wirkliche Uneigennützigkeit. Bei genauem Hinsehen ist diese „Harmonie eines mächtigen Eigennutzes und einer schwachen Uneigennützigkeit“ das, was die menschliche Gesellschaft lebendig in Gang hält. Würde der Mensch mit einer Natur aus mächtiger Uneigennützigkeit und schwachem Eigennutz geboren, so gliche die menschliche Gesellschaft dem Paradies, wäre aber vollkommen fade, und es gäbe für den Menschen keinen Grund zu leben. Letztlich wird die menschliche Gesellschaft in Sachen der Ethik zu einem Vorgang des Kampfes und der Einigung auf der Ebene des Einzelnen, der Gesellschaft und der Staatsführung: der schwierigen und mühsamen, aber lebendigen Bemühung, durch den Geist Uneigennützigkeit und Eigennutz ins Gleichgewicht zu bringen. So bilden sich der konfuzianische Führende oder der weise Mensch Spinozas.
So untersucht, gelangen wir zu einem Schluss: Das wichtigste Element der menschlichen Ethik liegt nicht im „Geist“ nach Art Descartes’ oder Kants, sondern in „der menschlichen Natur, die Instinkt und Geist zusammen umfasst“. Wir gelangen zur Philosophie Spinozas, die einen Rationalismus von Instinkt und Geist zusammen vertritt.357 Beruht die Quelle des menschlichen Handelns nicht auf dem Geist, sondern auf dem Instinkt, so folgt der Mechanismus des Instinkts dem Menschen wie ein Schicksal von der Geburt bis zum Tod. Zugleich lenkt der menschliche Geist, da er die Rolle hat, den Instinkt zu lenken, ihn bis zum Augenblick des Todes weiter, nicht als Lichtquelle, sondern als Spiegel.
Nimmt man diese Philosophie an, die die menschliche Natur als Lichtquelle anerkennt, während der menschliche Geist die Rolle des Spiegels spielt, so ist die Richtung bestimmt, die die Ethik zwischen den Menschen nehmen muss. Das ist der Begriff der „Freiheit (der Geist) im Schicksal (dem Instinkt)“. Mit anderen Worten: Während man den Instinkt anerkennt, entscheidet die Erziehung des Charakters über alles, was der Mensch nach seiner Geburt tun kann. Die Erziehung des Charakters fällt ganz in die Verantwortung des Einzelnen. Diese Verantwortung dauert bis zum Tod: Die östliche Philosophie „Das Leben hat eine Grenze, das Wissen aber keine“ gilt hier. Sich in eine Lehre, eine metaphysische Entdeckung oder eine Ideologie zu versenken, kann die Erziehung des Charakters nicht ersetzen. „Der Führende ist kein Gerät“ (君子不器). (Gespräche 2,12).
Die Moral (道德, Moralism) stimmt nicht mit den Naturgesetzen überein
Die Philosophie, nach der die Moral nicht mit den Naturgesetzen übereinstimmt, liefert in ihrem Verhältnis zur Lehre von der menschlichen Natur einen wichtigen Maßstab. Eine solche Philosophie ist in der westlichen Zivilisation, die von der Lehre vom Offenbaren beherrscht wird, schwer zu finden. Denn diese meint, die menschlichen Angelegenheiten folgten dem Lauf von Gut und Böse, sodass die Moral dort das ist, was den Menschen beurteilt. Man kann eine solche Philosophie finden, wenn man in die griechische Zeit vor Sokrates zurückgeht. Bei den griechischen Denkern des Nicht-Offenbaren sieht man die Möglichkeit, zu vertreten, dass die Lehre von der menschlichen Natur nichts mit der Moral zu tun hat. Karneades (214–129 v. Chr.) etwa, einer der griechischen Denker des Nicht-Offenbaren, widersetzte sich der Ontologie und dem Determinismus und hinterließ den Gedanken, man müsse auf das Zufällige und das Wahrscheinliche achten. Indem er sagte: „Die Moral stimmt nicht mit den Naturgesetzen überein“, äußerte er den Gedanken, das, was wir Gerechtigkeit nennen, könne nicht ewig sein, sei unvernünftig und werde nur aus dem Bedürfnis eines Augenblicks beansprucht. Als Gesandter nach Rom geschickt, hielt er berühmte Reden: an einem Tag eine Rede zum Lob der Gerechtigkeit, am nächsten eine Rede, die sie kritisierte, was seine Zuhörer tief erschütterte. Die Philosophie des Karneades folgt einer naturalistischen Lehre, die Moral und menschliche Natur sehen will, wie sie sind, und nicht einem auf den Geist gegründeten Rationalismus. Er vertrat, man müsse an der Absolutheit sittlicher Begriffe wie Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte zweifeln und ihre Relativität durch die Beweisführung erkennen.
Doch der Westen gab, der Philosophie der griechisch-römischen Zeit und der christlichen Philosophie des Mittelalters folgend, der Moral als Gebot Gottes absolute Geltung. Und beim Eintritt in die Aufklärung pflegte er diese Philosophie des Offenbaren weiter. Indem sie sich der Lage anpasste, in der der Geist Gott ersetzte, gewann die Philosophie Kants, nach der die Moral eine vom Geist gebotene „transzendentale moralische Pflichtenlehre“ ist, zahlreiche Anhänger. Die Philosophie Kants trifft sich mit der von Rousseau vertretenen These von der Güte der menschlichen Natur. Die westliche Philosophie der frühen Neuzeit war so von der These von der Güte der menschlichen Natur und vom sittlichen Idealismus fasziniert.
Gegen diese Behauptungen über die menschliche Natur trat die empiristische Philosophie auf, die im Westen zum ersten Mal den zum Geist neigenden Rationalisten eine Gegenlehre entgegensetzte. Zu ihren bezeichnenden Philosophen gehört Hume (1711–1776). Er entwickelte eine naturalistische Lehre von der menschlichen Natur, und da sie der religiösen menschlichen Natur frontal widersprach, wurde er der Ketzerei beschuldigt und Gefahren ausgesetzt, unter anderem Verfahren vor den kirchlichen Gerichten.
Die Moral erregt Leidenschaften und bewirkt oder verhindert Handlungen. Die Vernunft für sich allein ist hierin völlig machtlos. Die Regeln der Moral sind also nicht Schlüsse unserer Vernunft. 358
Die Denker seiner Zeit behandelten Hume als Atheisten oder Skeptiker. Die westlichen Denker ordnen ihn noch immer den Skeptikern zu. Doch weitet man den Blick, so lässt sich sein Denken nicht einem negativen Skeptizismus zuordnen, sondern den griechischen Skeptikern oder den östlichen Denkern des Nicht-Offenbaren. Zur Zeit Humes lag die westliche Philosophie in den Händen überzeugter Rationalisten wie Descartes und Kant. Sie meinten, der Geist lenke alles. Hume trat aus dieser Strömung heraus und öffnete einen neuen Horizont. Erstaunlicherweise betonte er nicht die Bedeutung des Geistes, sondern die des Instinkts:
Die Vernunft ist und soll nur die Sklavin der Leidenschaften sein und kann nie ein anderes Amt beanspruchen, als ihnen zu dienen und zu gehorchen. 359
Für seine Zeit war das eine verblüffende Lehre. Auch heute noch mag sie vielen als eine Lehre erscheinen, die ratlos macht. Humes Ethik wird noch immer „ethischer Antirationalismus“ (Ethical Anti-rationalism) genannt. Doch Humes Lehre hat ihre Anhänger. Man kann Humes These schon in der griechischen Zeit finden. Wie wir gesehen haben, ähnelt sie der des Karneades: „Der Moralismus (moralism) stimmt nicht mit den Naturgesetzen überein.“ Was wir Gerechtigkeit nennen, kann nicht ewig sein. Die Moral ist unvernünftig und wird nur nach dem Bedürfnis des Augenblicks beansprucht. Die Sklaverei etwa wurde jahrtausendelang, bis ins 18. Jahrhundert, als vernünftige Ethik der menschlichen Gesellschaft angenommen. Doch im 21. Jahrhundert ist die Sklaverei zur abscheulichsten Ethik der menschlichen Gesellschaft geworden. Die Ethik hängt sehr oft davon ab, wie wir die menschliche Natur sehen. Vor allem kommt es auf das Verhältnis von Instinkt und Geist an. Über die Rollen von Instinkt und Geist gebrauchte Russell diese Ausdrücke: Der Instinkt ist das Handeln, der Geist die Regelung:
Begierde, Gefühl, Leidenschaft (wählen Sie das Wort, das Sie wollen) sind die einzig möglichen Ursachen des Handelns. Die Vernunft ist keine Ursache des Handelns, sondern nur ein Regler 360
Die Beurteilung der menschlichen Natur hängt eng damit zusammen, wie die Zivilisationen des Ostens und des Westens das Sprichwort „Hilf dir selbst, so hilft dir der Himmel“ philosophisch beurteilen. In der Zivilisation des Dao wirft das keinerlei Problem auf, „denn der Mensch ist es, der das Dao groß macht“. Wer sich selbst hilft, empfängt den Segen des Dao. Doch in der Zivilisation Gottes gibt es Streit, wegen des Gedankens, der Mensch könne sich nur mit der Gnade (grace) Gottes selbst helfen. Sie meinen, „Gott hilft denen, die sich nicht selbst helfen können“, wegen des Glaubens, nach dem Gott den Menschen gemacht hat und alle menschlichen Angelegenheiten lenkt. Das Sprichwort „Hilf dir selbst, so hilft dir der Himmel“ war im Osten zweitausend Jahre lang ein wichtiges Sprichwort für die Bildung des Charakters. Doch im Westen verschwand es, nachdem es vor unserer Zeitrechnung in den Fabeln Äsops aufgetaucht war, im Mittelalter, bis der Deist (理神論者) Benjamin Franklin es im 18. Jahrhundert im Westen wieder in Mode brachte.
Die Philosophien der menschlichen Natur von Locke und Adam Smith hängen stark von der Religion ab. Die menschliche Mühe ist wichtig, doch die Philosophie, nach der man sich letztlich auf die Macht Gottes verlassen muss, ist stark. Und was der Mensch auch tue, da er ein von Gott gemachter Mensch ist, kommt man dazu, sich auf den Optimismus zu stützen, alles werde am Ende gut ausgehen. Denn in ihrem Glauben glauben sie: „Gott ist gütig.“ Doch die Zivilisation des Dao stützt sich auf die Philosophie einer negativen Theologie: „Das Dao ist nicht gütig.“ Sie glaubt dann, die menschlichen Angelegenheiten würden nicht vom Dao geregelt, sondern müssten letztlich vom Menschen in den Grenzen des Dao in die Hand genommen werden. Das ist nicht Optimismus, sondern Realismus. Nach dem östlichen Denken hilft auch der Himmel dem Menschen nicht, der sich nicht selbst hilft. Die Philosophien Gottes und des Dao sind grundlegend mit der Lehre von der menschlichen Natur verbunden, die bestimmt, „wer wir sind“.
4) Was ist Uneigennützigkeit? Der Westen: das Opfer des Eigeninteresses, vs. der Osten: das wohlverstandene Eigeninteresse
Die Uneigennützigkeit ist unentbehrlich, um die gesellschaftliche Ordnung aufrechtzuerhalten und für den inneren Frieden des Einzelnen. Konfuzianismus und Christentum machen beide die Uneigennützigkeit zum Kern der menschlichen Angelegenheiten. Was ist Uneigennützigkeit? In der Untersuchung der Uneigennützigkeit zeigen Ost und West einen grundlegenden Unterschied in Bezug auf die menschliche Natur. In der östlichen Zivilisation ist die Uneigennützigkeit eine Art Eigeninteresse: ein Eigeninteresse aufgeklärter Art, das sich selbst dient, indem es anderen dient. Das wohlverstandene Eigeninteresse, das heißt die Uneigennützigkeit, wohnt der menschlichen Natur inne. Nach der Lehre von der menschlichen Natur der westlichen Zivilisation liegt die Uneigennützigkeit nicht in der menschlichen Natur. Die Uneigennützigkeit ist ein Gebot Gottes. Der Eigennutz ist die ganze menschliche Natur. Die Uneigennützigkeit wird zu einer besonderen Ethik, die die menschliche Natur ausgleicht, entstanden aus dem Gebot Gottes oder dem des Geistes. Wohnt die Uneigennützigkeit der menschlichen Natur inne, oder ist sie ein der menschlichen Natur fremdes Gebot Gottes (oder eine auf den Geist gegründete Ethik)? Das ist der Unterschied zwischen Ost und West in Bezug auf die Uneigennützigkeit.
Im Westen wird die Uneigennützigkeit als ein Zustand gesehen, der das Eigeninteresse aufgegeben und ersetzt hat. Man kann nur eines von beiden wählen, Eigeninteresse oder Uneigennützigkeit. In der westlichen Zivilisation ist die Uneigennützigkeit Selbstaufopferung. Im Verhältnis von Eigeninteresse und Uneigennützigkeit zeigt sich erneut der Unterschied zwischen der östlichen Philosophie der „Komplementarität“ und der westlichen des „Gegensatzes“. Schlägt man Altruismus (altruism) in westlichen Wörterbüchern oder Texten nach, so wird er einheitlich im Sinn dessen gebraucht, was gegen das eigene Interesse geht, was nur den anderen dient, was nicht für einen selbst ist. Die Uneigennützigkeit trägt den Gedanken, „nicht für sich selbst zu sein“ (selflessness or unselfishness). Auch die Bibel zeigt den Gegensatz von Uneigennützigkeit und Eigeninteresse.
Niemand suche, was sein ist, sondern ein jeglicher, was des andern ist. (1. Korinther 10,24)
Diese Philosophie wurde nach dem Gesetz der Offenbarungsreligion unverändert vom Rationalismus der Aufklärung übernommen, nach dem der menschliche Geist die Stelle Gottes einnehmen konnte. Der Philosoph der Aufklärung Kant bestimmte die „wahre moralische Liebe“ als „die Ausübung im Dienst der anderen“. Er betonte, man müsse den Menschen „als Zweck und nicht als Mittel“ behandeln, was in dieselbe Richtung geht. Als Ausgangspunkt der Ethik vertrat Kant eine moralische Pflichtenlehre (deontology), die auf den kategorischen Imperativ (categorical imperative) gegründet ist, der auf dem Geist beruht. Er meinte, der Mensch werde mit dem Sittengesetz in seinem Geist geboren. Im philosophischen System des Deismus der Aufklärung, nach dem Gott nicht in die menschlichen Angelegenheiten eingreift, wurde diese Philosophie Kants von den westlichen Rationalisten als „kopernikanische Wende“ (Copernican Revolution) gefeiert. Doch letztlich ist es eine Form, in der „der menschliche Geist“ „das Gesetz Gottes“ ersetzt hat.
Der Osten untersucht die Uneigennützigkeit als „wohlverstandenes Eigeninteresse“ (Enlightened self-interest). Die Uneigennützigkeit ist ein nötiges Element, um ein dauerhaftes, langfristiges Eigeninteresse zu verfolgen. Das Gemeinwohl (共同善) wird zum wohlverstandenen Eigeninteresse. In der östlichen Philosophie findet man schwerlich die gegensätzliche Forderung nach westlicher Art, im Namen des Gemeinwohls auf das eigene Interesse zu verzichten, um das der anderen zu verfolgen. Im Osten besteht das Gemeinwohl darin, das eigene Interesse und das der anderen zusammen zu verfolgen. Das ist der Unterschied zwischen der Bedeutung des „Ich“, die der Individualismus beansprucht, und der Bedeutung des „Wir“, die der Relationalismus beansprucht. Weil die östliche Zivilisation die Bedeutung des „Wir“, gegründet auf den Relationalismus, zum Kern hat, ist ein Gemeinwohl möglich, das zugleich mein Interesse und das der anderen bekräftigt. Konfuzius erklärt in den Gesprächen das Wesentliche des Gemeinwohls, das heißt des wohlverstandenen Eigeninteresses:
Willst du dein eigenes Interesse begründen, so begründe auch das der anderen. Wünschst du etwas, so lass auch geschehen, was die anderen wünschen. (Gespräche 6,30)
Das Wichtige ist hier nicht, „sich selbst zu opfern“, sondern „auch das Interesse der anderen um des eigenen Interesses willen“ zu verfolgen. Es ist eine relationale Philosophie, nach der die Rücksicht auf das Interesse der anderen sich letztlich auch für das eigene Interesse als das Beste erweist. Der westliche Satz „Niemand suche, was sein ist, sondern ein jeglicher, was des andern ist“ kommt aus der gegensätzlichen Trennung von sich und den anderen im Westen. Von der östlichen, auf die Komplementarität gegründeten Zivilisation aus gesehen muss man „das eigene Interesse und das der anderen zusammen verfolgen“, um wirklichkeitsnah zu sein. In der westlichen Ethik setzt der gegensätzliche Satz eine menschliche Natur, die dem „Selbsterhaltungstrieb“ widerspricht. Die gegensätzliche These, man müsse sich selbst aufgeben, um anderen zu dienen, ist wirklichkeitsfern. Die Ethik muss letztlich für einen selbst sein. Xunzi erklärt, dass Ethik und Gesetz für „uns“ da sind. Mit anderen Worten: Die Ethik ist ein für die Selbsterhaltung nötiges wohlverstandenes Eigeninteresse:
Nehmen wir zum Beispiel an, wir schafften alle Ethik und alles Gesetz ab, beseitigten alles, was die Regierung tut, und jede Möglichkeit der Strafe, und sehen wir, wie sich die Menschen verhalten. Die Starken würden die Schwachen quälen und unterdrücken. Die große Zahl würde der kleinen schaden und sie zu vernichten suchen. Ethik und Ordnung würden verschwinden. Die Gesellschaft ginge den Weg des Untergangs. (Xunzi 23,7)
Die Ethik gehört letztlich zu jener menschlichen Natur, die die Selbsterhaltung ist. Im Osten ist die Ethik weder ein sittliches Gebot noch eine Selbstaufopferung. Sie ist ein wohlverstandenes Eigeninteresse, das zur Selbsterhaltung gehört. Der Westen scheint heute anzufangen, so zu denken.
Die biologische Wirklichkeit der Selbsterhaltung bringt die menschliche Ethik hervor. Wegen des unveräußerlichen Bedürfnisses, uns selbst zu schützen, müssen wir helfen, dass auch die anderen geschützt werden. Scheitern wir daran, so gehen wir selbst zugrunde, denn wir verraten und verlassen die Norm, die im Grundprinzip der Selbsterhaltung enthalten ist. 361
Anders als jedes andere Tier wird der Mensch mit der Gier geboren. Was die Gier heilen kann, ist die Ethik. Wie wir gesehen haben, haben die großen Vordenker der Menschheit alle die Nächstenliebe als Norm der Ethik vorgelegt. In der östlichen Zivilisation ist die Ethik kein Gebot Gottes: Sie stellt sich durch die eigene Erkenntnis von selbst ein.
Dass das Dao geehrt und die Tugend (德) geschätzt wird, geschieht auf keines Befehl, sondern von selbst. (Daodejing, Kapitel 51)
In der östlichen Zivilisation kommt die Ethik nicht von Gott, sondern von der Natur. Es ist die Ethik des Dao, die die Natur sehen will, wie sie ist, und von ihr lernen. Der der östlichen Zivilisation innewohnende Begriff der Harmonie von Eigeninteresse und Uneigennützigkeit ist eine Philosophie, die der Westen nicht hat. Die westlichen Menschen verließen sich für ihre Ethik auf Gott. Die östlichen Menschen verlassen sich auf die Natur: Sie folgen dem Dao, das die Natur dem Menschen vorlegt. Das Dao legt das Mittel vor, Eigeninteresse und Uneigennützigkeit in Einklang zu bringen.
Die zentrale Aufgabe der östlichen Lehre von der menschlichen Natur ist, wie man mit dem mächtigen Eigennutz und der schwachen Uneigennützigkeit umgeht, die in der menschlichen Natur vorhanden sind. Konfuzianismus und Daoismus behandeln die Uneigennützigkeit als wohlverstandenes Eigeninteresse im Dienst des Selbst. Mit anderen Worten: Die Uneigennützigkeit ist nicht das Opfer des Eigeninteresses, sondern letztlich ein Teil davon. Konfuzius legt die Harmonie von Eigeninteresse und Uneigennützigkeit als wichtige Tugend in der Erziehung des Charakters vor: „Will er selbst feststehen, so hilft er den anderen feststehen“ (Gespräche 6,30). Wie die Natur die Artenvielfalt erhält, hält der Mensch das Gleichgewicht nur, wenn er lernt, um seiner Erhaltung willen den Eigennutz zu verringern und die Uneigennützigkeit zu üben. Auch das Daodejing spricht von der Ordnung der Natur, die das Gleichgewicht hält: „Die Natur verringert, was zu viel ist, und vermehrt, was zu wenig ist“ (Daodejing 77).
Verwandtenselektion und reziproker Altruismus
Westliche wissenschaftliche Philosophen liefern seit Kurzem eine auf den Naturalismus gegründete Lehre, die das „wohlverstandene Eigeninteresse“ stützt, das die östliche Zivilisation vertritt. Mit der Entdeckung, die die westlichen Gelehrten „Verwandtenselektion“ (Kin selection) nennen und die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemacht wurde, erhält das wohlverstandene Eigeninteresse eine feste wissenschaftliche Quelle. Die Verwandtenselektion beweist auf der Ebene der menschlichen Natur, dass die Quelle der Ethik nicht im Geist, sondern im Gefühl liegt. Darin steht sie im Gegensatz zur im Westen beliebten Philosophie Kants. Die Verwandtenselektion folgt eher dem philosophischen System David Humes als dem Kants. Hume vertritt, die menschliche Ethik sei durch die menschliche Natur begrenzt, mit der der Mensch geboren wird; Kant dagegen vertritt, die Ethik sei das Erzeugnis eines freien Geistes, nicht begrenzt durch jene Natur, die das Gefühl ist. Kant sah die Ethik als ganz aus dem Geist kommend. Hume sah die Ethik als nicht im Geist, sondern im Instinkt gegründet.
Endlich findet man im Kopf einiger westlicher Denker den Keim des wohlverstandenen Eigeninteresses. Das sittliche Urteil kommt nicht aus dem Geist: Sie kamen dazu zu vertreten, seine Quelle sei das Gefühl. Der britische Biologe Hamilton brachte 1964 den Gedanken der Verwandtenselektion vor. Er ging auf die Entdeckung zurück, dass die Uneigennützigkeit zu einer genetischen Auslese im Dienst des Selbst gehört. Mit dieser Entdeckung über die menschliche Natur erscheint im Westen zum ersten Mal die Philosophie, nach der die Verwandtenselektion dem Eigeninteresse folgt. Professor Dawkins erklärt die Uneigennützigkeit als ganz zum Eigennutz gehörig.
Obwohl die Verwandtenselektion auf den ersten Blick aus der Uneigennützigkeit zu kommen scheint, ist sie auf der Ebene der biologischen Gene Ausdruck eines radikalen Eigennutzes. 362
Genetisch hat der Mensch eine sehr eigennützige Natur, die Uneigennützigkeit nur ausnahmsweise zeigt. Das ist die Behauptung, dass die menschliche Natur mit einem mächtigen Eigennutz und einer schwachen Uneigennützigkeit geboren wird.
Die Gene, die genetisch erfolgreich sind, wirken sehr eigennützig. Darum handelt auch der Mensch eigennützig. Doch in Ausnahmefällen können unsere eigennützigen Zwecke erreicht werden, indem wir eine begrenzte Uneigennützigkeit zeigen. Auf die Worte „Ausnahme“ und „begrenzt“ kommt es an. So sehr wir es wünschen mögen, man muss anerkennen, dass Dinge wie die allgemeine Liebe oder das allgemeine Wohl in der von unseren Genen beherrschten Evolution nicht vorkommen. 363
Dennoch ist der Grund, aus dem wir Uneigennützigkeit und Rücksicht als Ethik pflegen müssen, dass der Eigennutz, mit dem wir geboren werden, sehr mächtig ist. Das Nebeneinander eines mächtigen Eigennutzes und einer schwachen Uneigennützigkeit ist die Wirklichkeit der menschlichen Natur, der wir nicht entkommen können.
Wir müssen Rücksicht und Uneigennützigkeit eifrig lehren, weil wir eigennützig geboren werden. Dann können von unserem Eigennutz beherrschte Gene eine Funktion der Hemmung des Eigennutzes ausüben, die bei anderen Lebewesen keine Aussicht hätte zu bestehen. 364
Die Uneigennützigkeit entsteht beim Menschen und beim Tier auf dieselbe Weise. Die Verwandtenselektion ist die Logik, nach der man, indem man sich opfert, um seiner Verwandtschaft zu helfen, langfristig genetisch, selbst wenn man stirbt, die Gene vermehrt, aus denen man besteht. Der reziproke Altruismus ist die Uneigennützigkeit, die zwischen nicht verwandten Einzelnen ausgetauscht wird: Man hilft einem anderen in Erwartung einer Hilfe als Gegenleistung. In der Tierwelt wird eine solche Uneigennützigkeit nicht als ethisch gutes Verhalten gepriesen. Die Uneigennützigkeit ist eine Art Eigeninteresse. Doch der reziproke Altruismus wird allein in der menschlichen Gesellschaft gepriesen. In Anbetracht dessen erschien in der westlichen Zivilisation, die die Uneigennützigkeit nur als Selbstaufopferung behandelt hatte, der Ausdruck „reziproker Altruismus“ (Reciprocal altruism), um die Frage zu lösen. Professor Gould erklärt es so:
Nach dem darwinschen Evolutionismus können paradoxerweise Uneigennützigkeit und Eigennutz beide von der Evolution ausgelesen werden. Die Uneigennützigkeit kann einen persönlichen Vorteil schaffen, denn sie stiftet Verhältnisse gegenseitiger Verpflichtung mit anderen oder hilft der Verwandtschaft, was es erlaubt, die Gene der Uneigennützigkeit zu kopieren. 365
Letztlich gehört also auch der reziproke Altruismus zum letzten Zweck der Selbsterhaltung. Unter diesem Satz bestehen im Menschen ein mächtiger Eigennutz und eine schwache Uneigennützigkeit nebeneinander, und wir leben in diesen Eigenschaften. Professor Gould sieht in diesem Nebeneinander eine Art Spiel des Gefangenendilemmas:
Letztlich spielen zwischen Eigennutz und Uneigennützigkeit Tiere, Pflanzen und Menschen das Spiel des „Gefangenendilemmas“. Sein Zweck ist die Selbsterhaltung. 366
Dehnt man dieses Spiel auf die ganze Gesellschaft aus, so sieht man, dass es auf der Erde Zivilisationen blühender Gesellschaften und Zivilisationen von Gesellschaften gibt, die es nicht sind. Erfolgreiche Gesellschaften haben eine Zivilisation, die den in den Genen angelegten reziproken Altruismus durch Lernen verbreitet. Da die Uneigennützigkeit gegenüber dem mächtigen Eigennutz sehr schwach ist, wirkt sie in der Gesellschaft nur im Gleichgewicht mit dem Eigennutz, wenn sie durch Lernen gestärkt wird.
Der reziproke Altruismus besteht in einer Gesellschaft, die gut funktioniert. Diese Logik kann zu den Genen gehören oder durch Lernen erworben werden. 367
Wir haben gesehen, wie verschieden die Philosophien der Uneigennützigkeit in den Zivilisationen des Ostens und des Westens sind. Konfuzianismus und Daoismus machen die Übung des reziproken Altruismus, das heißt die Erziehung des Charakters, zum höchsten Ziel des Lernens. Der Osten hat die Uneigennützigkeit als wohlverstandenes Eigeninteresse bewertet und darauf einen Konsens der Zivilisation errichtet. Die Zeit, in der dieses philosophische System seinen Platz im Herzen der Zivilisation einnahm, war das 5. und 4. Jahrhundert v. Chr.: der Augenblick, in dem die Lehre von der menschlichen Natur im Osten begründet wurde.
Der Westen sah Eigeninteresse und Uneigennützigkeit im Kampf und meinte, man könne dem Menschen die Uneigennützigkeit nur einflößen, indem man sich die Macht der Religion borgt. Da sich diese Offenbarungsreligion über die Aufklärung bis zum Deismus weiterentwickelte, haben die westlichen Denker jüngst die „religiöse Ethik“ verlassen und sind zur Philosophie eines natürlichen „wohlverstandenen Eigeninteresses“, das heißt des „reziproken Altruismus“, gelangt. Durch diesen Vorgang findet die westliche Lehre von der menschlichen Natur ihren ersten naturphilosophischen Treffpunkt mit der östlichen Lehre von der menschlichen Natur.