1) Der Nationalstaat zielt auf die Regierung für das Volk
Im Vergleich der Zivilisationen des Ostens und des Westens ist der geschichtlich wichtigste Faktor die Bildung des Nationalstaats (nation state). Der Osten hatte in der Bildung der Nationalstaaten zweitausend Jahre Vorsprung vor dem Westen. In der Frühlings- und Herbstperiode und der Zeit der Streitenden Reiche, die bis ins 3. Jahrhundert v. Chr. dauerte, entstanden im Osten Nationalstaaten. Der Westen verbrachte Jahrtausende in antiken Eroberungsstaaten und mittelalterlichen Religionsstaaten und sah die Geburt des Nationalstaats erst nach dem Westfälischen Frieden von 1648. Einen Vorsprung in der Bildung der Nationalstaaten zu haben, heißt nicht, dass sich die Weisheit entwickelt. Nur die Richtung des Wissens wird dadurch bestimmt. Auch die Philosophie ist eine Verdichtung des Wissens, niemals eine Sache der Weisheit. Das Zeitalter der Ideologien des Westens bestätigt es.
Die Geburt des Nationalstaats verlangt auf der Ebene der Zivilisation ein neues Denken und eine neue Philosophie. Mit der Geburt des Nationalstaats geschieht ein philosophischer Wandel, der die Naturphilosophie achtet. Und es entsteht das Minben-Denken (民本思想), das das Volk in die Mitte stellt. In einem politisch-ökonomischen System bedeutet das Minben-Denken die wirtschaftliche Selbstständigkeit des Einzelnen, und das ist der Kern einer erfolgreichen politischen Ökonomie. Besitzt eine Zivilisation diese Grundlagen, das Minben-Denken und die wirtschaftliche Selbstständigkeit, auf die Naturphilosophie ausgerichtet, so entwickelt sich die Wirtschaft; andernfalls ist wirtschaftliche Entwicklung unmöglich.
Wann hat sich der Nationalstaat im Osten und im Westen gebildet? Der Westen gebraucht den Begriff des „Nationalstaats im neuzeitlichen Sinn“, das heißt des „demokratischen Nationalstaats“. Es muss ein Staat sein, der die im Westen nach der industriellen Revolution aufgekommene Demokratie besitzt. Erst mit einer Verfassung und einem System gegenseitiger Kontrollen wie der Gewaltenteilung erfüllt er die Bedingungen eines Nationalstaats. Im Osten zählt vor allem die Abschaffung der überlieferten Dynastien. Man schlägt vor, die Xinhai-Revolution von 1911 in China, die Meiji-Restauration von 1868 in Japan und die Gründung des Koreanischen Kaiserreichs 1897 als das Auftreten des Nationalstaats zu sehen. Das ist eine Ansicht, die aus einem auf den Westen ausgerichteten Welt- und Geschichtsbild kommt.
Doch mit dieser auf den Westen ausgerichteten Methode kann man die Zivilisationen des Ostens und des Westens nicht vergleichen. Im Westen geschahen das Auftreten des Nationalstaats und die Begründung demokratischer politischer Systeme fast zugleich, im 17. und 18. Jahrhundert. Doch im Osten entstand der Nationalstaat vom 5. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr. und die Demokratie im 19. und 20. Jahrhundert. Im Osten bestand der Nationalstaat fast zweitausend Jahre vor der Einführung demokratischer politischer Systeme. Die Begründung des Nationalstaats ist wichtig, weil der Nationalstaat, um zu überleben, notwendig auf die Naturphilosophie und das Minben (民本主義), die Regierung für das Volk, zielt.
Vor der Neuzeit findet man im Westen kein Minben-Denken. Das griechisch-römische Altertum war das Zeitalter der Eroberungsstaaten, für die Sklaven unentbehrlich waren. In einem System, das Bürger und Sklaven trennt, war das Minben-Denken unnötig. Das Mittelalter war das Zeitalter der Religionsstaaten, die nicht den Geboten der Menschen, sondern denen Gottes folgten und sie erforschten; eine naturalistische Lehre von der menschlichen Natur oder ein Minben-Denken waren dort ebenso unnötig. Darum war im Westen vor der Neuzeit eine politisch-ökonomische Philosophie unnötig, die auf alle Menschen des Staates, das Volk, ausgerichtet war.
Im Osten dagegen hatte das Minben-Denken, das entsteht, wenn ein Staat die Gestalt eines Nationalstaats annimmt, zweitausend Jahre Vorsprung vor dem Westen.
Das Auftreten des Nationalstaats lässt einen grundlegenden Wandel in der philosophischen Strömung einer Zivilisation entstehen. Dieser Wandel folgt einem System der „Naturphilosophie“, das dem Überleben des Staates dient. Der Nationalstaat sucht nicht durch die Befehle von Herrschern, Eroberern oder Propheten zu überleben, sondern durch ein auf die Nation ausgerichtetes „Minben“. Er durchläuft den Vorgang, ein System der Naturphilosophie und nicht die Offenbarungsreligion zur Mitte der Staatsführung zu machen. Das Überleben, das heißt der Selbsterhaltungstrieb, wird zur ersten Politik des Staates.
Das Auftreten des Nationalstaats führt einen wesentlichen Wandel im System der Zivilisation herbei. Ein wichtiger Punkt im Vergleich der Zivilisationen des Ostens und des Westens ist, wann der Nationalstaat in jeder von ihnen auftrat. Wann trat der Nationalstaat im Osten und im Westen auf? Kissinger betont, dass das Auftreten des Nationalstaats im Osten etwa zweitausend Jahre Vorsprung vor dem Westen hatte:
In China dauerte die Zeit der Streitenden Reiche zweihundertfünfzig Jahre und endete mit der Einigung durch den Ersten Kaiser von Qin. In dieser Zeit erlangten die Lehnsstaaten ihre Selbstständigkeit und verwandelten sich in unabhängige Staaten. Der Westen machte eine ähnliche Erfahrung in der Zeit vom Westfälischen Frieden 1648 bis zum Zweiten Weltkrieg: den Vorgang, in dem die europäischen Staaten in einem Gleichgewicht der Mächte um die Vorherrschaft kämpften. 408
Auch der amerikanische Politikwissenschaftler Fukuyama betont, dass jahrhundertelange Kriege zwischen Staaten die Gestalt des Staates verwandeln, und erklärt, wie sich der Nationalstaat im Osten und im Westen gebildet hat. In der Frühlings- und Herbstperiode und der Zeit der Streitenden Reiche hatte der Osten diese Jahrhunderte des Krieges schon durchlaufen, und Nationalstaaten waren entstanden. Im Westen entstanden über tausend Jahre später aus einem ähnlichen Kriegszustand zentralisierte Nationalstaaten:
In China bildeten sich die Nationalstaaten inmitten der unablässigen Kriege der Frühlings- und Herbstperiode und der Zeit der Streitenden Reiche … Das zeigt im Vergleich von Ost und West eine sehr bemerkenswerte Lage … Bei der Gründung seiner Nationalstaaten über tausend Jahre nach dem Osten zeigt der Westen sehr ähnliche Ergebnisse … In China wie in Europa ging die Bildung der Nationalstaaten aus dem Bemühen hervor, den Krieg vorzubereiten. Durch die Vorbereitung des Krieges wurden die Gebiete der Lehnsherren nach und nach in das Gebiet eines einzigen Staates eingegliedert, die Gewalt der Staatslenkung wurde zentralisiert, und neuzeitliche, unabhängige Verwaltungssysteme entstanden. 409
Haben sich die Nationalstaaten einmal gebildet, so entstehen die Bürokratie, das Verwaltungssystem, sie zu regieren, ein politisch-ökonomisches Denken zur Führung der inneren Wirtschaft und eine politische Ethik des Minben zur Führung der inneren Politik. Im Osten war dieses System schon in der Zeit der Streitenden Reiche, vor unserer Zeitrechnung, vorhanden. Im Westen entstand es zweitausend Jahre später, nach dem Westfälischen Frieden.
Begann der Nationalstaat im Westen nach dem Westfälischen Frieden (1648), welche Organisationsform hatten die westlichen Staaten dann vorher? Die griechisch-römische Zeit kannte ein System von Eroberungsstaaten. Die Bewohner der eroberten Staaten waren Sklaven. Eroberungsstaaten wie Griechenland und Rom bestanden aus den Bürgern, die den Staat bildeten, und den Sklaven, die sie gefangen hatten. Sparta hatte weit mehr Sklaven als Bürger; in Athen waren die Sklaven mehr als die Hälfte; in Rom etwa ein Drittel. Die Sklaven wurden durch Gefangennahme im Krieg und Plünderung oder durch Kauf auf den Sklavenmärkten beschafft. Caesar ist in der westlichen Geschichte als der Held bekannt, der Gallien eroberte, doch bei der Eroberung Galliens häufte er Reichtümer an, indem er unzählige Sklaven verkaufte. An einem Tag, an dem sein Heer eine Schlacht gewann, nahm es auf einen Schlag fünfzigtausend Sklaven gefangen und verkaufte sie, was Caesar und seinen Legionären großen Reichtum brachte. Wie wurden die Sklaven behandelt? Aristoteles behandelte sie so: Der Sklave ist dem Tier gleich, denn der Sklave hat wie das Tier keine Seele.
Bei den Barbaren haben Weib und Sklave denselben Rang, weil es bei ihnen kein von Natur Herrschendes gibt: Sie bilden nur eine Gemeinschaft von Sklaven, Männern und Weibern. Darum sagen die Dichter: „Es ist billig, dass Griechen über Barbaren herrschen“, als wären Barbar und Sklave von Natur dasselbe. 410
Aristoteles glaubte, allein die griechischen Bürger hätten eine Seele, und er legte diese Philosophie den Griechen dar. In den griechischen erobernden Stadtstaaten war es das beste Mittel, die Wirtschaft des Staates zu schützen und zu mehren, Kriege zu gewinnen und Gold, Silber, Schätze und Sklaven heimzubringen. Auch Rom war ein System von Eroberungsstaaten. In einem auf die Sklaverei gegründeten Eroberungsstaat war kein Platz für eine Lehre der politischen Ökonomie, die sich an alle Menschen richtete.
Nach der griechisch-römischen Zeit war der Westen über tausend Jahre Mittelalter lang ein Religionsstaat. Da das römische Papsttum die absolute Macht innehatte, stand die auf Gott ausgerichtete Religion, das heißt das Papsttum, in der Mitte.411 Da die Landesherren und Könige nur begrenzte Gewalt ausübten, konnte kein politisch-ökonomisches Denken entstehen, das sich innerhalb eines Nationalstaats an das ganze Volk richtete. Im Mittelalter bestanden im Westen Kirche und Staat nebeneinander, doch die Kirche hatte im System der Staatsführung den Vorrang. Besonders die Eschatologie der Offenbarungsreligion spielte eine große Rolle.
Bis zum 16. Jahrhundert war die Geschichte des westlichen Christentums, mit einem Wort, eine Geschichte des Wartens: Ihre Geschichte bestand darin, zu warten, wann das Ende der menschlichen Geschichte käme, und zu warten, während dieses Ende unablässig hinausgeschoben wurde. Änderten sich auch die genauen Formen des Wartens je nach den Umständen, das Warten auf das Ende blieb stets dasselbe. 412 … Luther sagte oft, das Ende werde in einigen Jahren kommen, und bemerkte, es könnte noch in diesem Jahr sein. Und er sagte oft, Gott werde den Zeitpunkt des Endes um der Auserwählten willen vorverlegen, und erklärte, „im Lauf der Zeit werden sich die kommenden hundert Jahre auf zehn verkürzen“. 413
Darum konnten sich die Staaten erst nach dem Westfälischen Frieden zum ersten Mal von der Religion trennen und als politische Systeme bestehen. Nationalstaaten, weder Eroberungsstaaten noch Religionsstaaten, entstanden zum ersten Mal im Westen.
Der Begriff „Wessen Gebiet, dessen Religion“ ist eine Formel, die die Souveränität des Staatsoberhaupts stützt. Sie bedeutet, dass, welches auch die religiöse Auffassung des Herrschers sei, in dem Gebiet, das er regiert, der Staat über der Religion steht. Doch dieser Begriff wurde erst gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges möglich. Er wurde möglich, weil die Deutschen beim Friedensschluss den Grundsatz aufstellen konnten, dass die Religion in den Fragen von Krieg und Frieden keinerlei Gewalt mehr auszuüben hat. 414
Mit dem Auftreten des Nationalstaats kam der Staat im Westen endlich dazu, seine Zukunft mit dem Geist und nicht nach religiösen Urteilen über Gut und Böse zu bedenken, um zu überleben. Ein solches philosophisches System wird unabhängig vom deduktiven Befehlssystem der Eroberer oder der Offenbarungsreligion. Die Nationalstaaten verlassen dann natürlich das deduktive Befehlssystem und folgen dem induktiven System der Naturphilosophie, das sie nur selbst entdecken können.
Der Gedanke, dass das Kommende nicht unvermeidlich ist, begrenzt sogleich die Gewalt, die die Religion selbstverständlich ausüben würde. Der Begriff des Jüngsten Gerichts lässt bei der Wahl zwischen Gut und Böse nur eine einzige Bedingung zu. Doch der Staatsmann muss für die Zukunft des Staates ein sittliches, nicht ein religiöses Urteil fällen, indem er nicht zwischen Gut und Böse wählt, sondern zwischen dem Schlimmsten und dem kleineren Übel. In dieser Hinsicht hielt Richelieu die Voraussicht für das Wichtigste in der Staatsführung: Denn nur mit Voraussicht kann der Staatsmann die Übel vermeiden, die den Staat bedrohen. Hat das Übel einmal begonnen, so wird es immer schwerer zu vermeiden. 415
Im Osten wie im Westen zielt die politische Ökonomie eines Systems der Naturphilosophie auf das „Minben“. Um des Überlebens des Staates willen kann es nicht anders sein. Wie entsteht das Minben-Denken? Das Minben-Denken, das mit den in der Frühlings- und Herbstperiode und der Zeit der Streitenden Reiche gebildeten Nationalstaaten aufkam, wird zum wichtigsten Element des Überlebens des Staates, denn nur durch das Minben kann ein Nationalstaat überleben. Das Minben-Denken ist der Gedanke, dass für den Staat das Volk am wichtigsten ist, und nicht die Führung eines erobernden Herrschers oder der Offenbarungsreligion. Ab der Frühlings- und Herbstperiode und der Zeit der Streitenden Reiche wurde das Minben-Denken in vielen Formeln geschrieben: für das Volk (爲民), das Volk schützen (保民), das Volk weiden (牧民), das Volk lieben (愛民). Menzius hatte das Wesen des Minben-Denkens schon im 4. Jahrhundert v. Chr. dargelegt: „Das Volk ist das Kostbarste, die Altäre des Staates kommen danach, und der Herrscher ist das Geringste“ (Mengzi, „Jin Xin“, zweiter Teil). Menzius ist einer der Philosophen, die die Bedeutung des Volkes tatkräftig in den Vordergrund stellten. Der Grund ist einfach: Das Minben-Denken war für das „Überleben“ von Staat und Volk nötig. Schon vor Menzius erschien das Minben bei Konfuzius und im Daodejing als zentrales Thema der östlichen Naturphilosophie.
Im Westen setzte sich das Minben-Denken philosophisch erst fest, nachdem der französische Denker Rousseau es im 18. Jahrhundert als Erster vertreten hatte. Zuvor dauerten das griechisch-römische „Zeitalter der Eroberung“ und das mittelalterliche „Zeitalter der kirchlichen Macht“ Jahrtausende an, und das Minben konnte im Westen nicht entstehen. Erst im 17. Jahrhundert entstanden im Westen Nationalstaaten, die das Minben brauchten, und die Einrichtungen und Modelle der Demokratie, die die Führenden demokratisch ablöst, verbreiteten sich im 19. Jahrhundert in den westlichen Ländern. Auch der Osten führte diese Einrichtungen und Modelle ein und passte sich ihnen an. In diesem Vorgang spielte das Minben-Denken, das der Osten schon besaß, eine wichtige Rolle. Als der Osten die demokratischen Einrichtungen des Westens aufnahm, war das östliche Minben-Denken in seiner Zivilisation schon vorhanden. „Die Kultur ist die Mutter, die Einrichtungen sind ihre Kinder.“ Ohne die Kultur fassen die Einrichtungen nicht Fuß.
Rousseaus auf das Volk ausgerichtetes Denken war im Westen eine völlig neue Sicht. Wen es tief beeindruckte, war der deutsche Philosoph Kant. Kant hat aufgeschrieben, er habe, bis er Rousseau las, die Bedeutung des „Volkes“ (people) nicht gekannt. Die westlichen Denker vor Kant lebten über zweitausend Jahre in einem System der westlichen Zivilisation, das die erobernden Herrscher des Zeitalters der Eroberung oder die religiösen Oberhäupter des Zeitalters der kirchlichen Macht hochschätzte. Doch nach dem Westfälischen Frieden von 1648 änderten sich im Westen die Grenzen des ethisch-politischen Denkens. Erst nach dem Auftreten des Nationalstaats wurde im Westen zum ersten Mal das ganze „Volk“ für das Überleben des Staates nötig, und es traten Denker auf, die das vertraten.
Das Minben-Denken hat sich nicht entwickelt, weil es eine Ideologie oder ein philosophischer Begriff wäre, den Staat oder Demokratie selbstverständlich hochschätzen: Es ist im Rahmen der Begründung des Nationalstaats von selbst entstanden. Dauert eine Zeit an, in der der Krieg wütet, so müssen, damit alle im Staat überleben, nicht die Führenden oder die Adligen, sondern das ganze Volk sich bemühen, den Staat zu verteidigen. Dieser Schluss kommt nicht aus Philosophie oder Ideologie, sondern aus dem Selbsterhaltungstrieb der menschlichen Natur. Aus diesem Bedürfnis entsteht endlich ein System der Naturphilosophie.
Minben vs. Demokratie
„Der Osten hat seine Nationalstaaten zweitausend Jahre vor dem Westen gebildet“: Das bedeutet, dass die Entstehung des „Minben“, die der Bildung des Nationalstaats notwendig folgt, im Osten zweitausend Jahre Vorsprung vor dem Westen hatte. Zu sagen, das Minben sei früher gekommen, bedeutet nicht, dass das System der „Demokratie“ im Osten früher gekommen sei als im Westen. Die Demokratie umfasst „die friedliche Ablösung der Führenden“ durch Gesetz und Einrichtungen. Besonders die friedliche Ablösung der Führenden in eine Verfassung zu schreiben und dieses Ziel in ein politisches System einzufügen, das die gegenseitigen Kontrollen widerspiegelt, geschah im Westen im 17. und 18. Jahrhundert. Das sind Entwicklungen, die das östliche Minben nicht vollbracht hat; all das wurde vom Westen gelernt.
Im Vergleich von Ost und West muss man die Entstehung der „Naturphilosophie“, des „Minben“ und des sie stützenden „politisch-ökonomischen Systems“ nicht an das Auftreten der Demokratie knüpfen, sondern an das Auftreten des „Nationalstaats“. Das Minben ist ein im Osten früh entwickelter politisch-ökonomischer Gedanke. Es bedeutet, dass das Volk die Grundlage des Staates ist. Im 4. Jahrhundert v. Chr. vertrat Menzius eine Lehre vom Dynastiewechsel, die Lehre vom Wechsel des Mandats (易姓革命): Das ist die Philosophie des Minben, nach der „das Volk das Kostbarste ist, die Altäre des Staates danach kommen und der Herrscher das Geringste ist“. Das ist das Auftreten des östlichen Minben-Denkens zweitausend Jahre vor dem Gottesgnadentum der Könige, das der Westen bis zur Zeit der absoluten Monarchie im 17. Jahrhundert vertrat. Der Gedanke, das Volk sei kostbar und der Herrscher gering (民貴君輕), ist ein philosophisches System, nach dem sich die politische Ökonomie nur entwickelt und der Staat sich nur so erhält und gedeiht, wie es sich gehört, wenn man das Volk achtet und für sein Leben sorgt.
Schon vor Menzius legt das Buch der Urkunden den Gedanken dar, allein das Volk sei die Wurzel des Staates (民惟邦本): Das Volk ist die Grundlage des Staates, und nur wenn das Volk sicher ist, ist das Land in Frieden. Der Gedanke, das Herz des Volkes sei das Herz des Himmels, bedeutet, dass das Land nur beständig ist, wenn der Führende nicht gegen den Willen des Volkes handelt und auf seine Stimme hört. Der Gedanke, allein das Volk sei die Wurzel des Staates, kommt als hinterlassene Lehre aus dem „Lied der fünf Söhne“ (五子之歌) der Xia-Dynastie um das 20. Jahrhundert v. Chr. und scheint um das 10. Jahrhundert v. Chr., zu Beginn der Zhou, festgelegt worden zu sein. Darum hatte ein Minben-Denken wie 民惟邦本 und 民貴君輕 schon lange Wurzeln in der chinesischen Zivilisation vor dem Auftreten der Nationalstaaten in der Zeit der Streitenden Reiche.
Besonders Menzius ging inmitten der unablässigen Kriege der Zeit der Streitenden Reiche einen Schritt über den Gedanken hinaus, allein das Volk sei die Wurzel des Staates, und entwickelte ihn zum Gedanken, das Volk sei kostbar und der Herrscher gering, indem er den Wechsel des Mandats vertrat: Man darf einen unfähigen Führenden ablösen. Doch bis ins 19. Jahrhundert kam der Osten nicht aus der Einrichtung und der Gewohnheit der Herrschaft auf Lebenszeit heraus, in der der Führende es bis zu seinem Tod bleibt. Trat ein unfähiger Führender auf, so konnte die ethische Frage nur bestehen bleiben: Musste man ihm weiter dienen oder ihn ablösen? Es ist die westliche Demokratie, die auf diese über zweitausend Jahre alte Herrschaft auf Lebenszeit die revolutionäre Einrichtung der friedlichen Ablösung der Führenden gründete. Die Glorreiche Revolution in England und die Französische Revolution im 17. und 18. Jahrhundert waren die Anlässe zur Begründung der Demokratie im Westen.
Die Verwirklichung der Demokratie entstand innerhalb des auf das Offenbare gegründeten westlichen philosophischen Systems. Manche meinen, unter den westlichen Denkern habe sich im Machtkampf zwischen der kirchlichen Autorität, die das Jahrtausend des Mittelalters beherrscht hatte, und der aufkommenden Königsmacht die Aufmerksamkeit auf ein System „gegenseitiger Kontrollen“ gerichtet, und so seien die Grundlagen für die Entwicklung der Demokratie gelegt worden. Man kann im Gedanken, es sei möglich, „das Ideal zu verwirklichen“, die Welt, in der der Mensch lebt, grundlegend zu verändern, das sehen, was im westlichen Denken des Offenbaren den Anbruch der Demokratie möglich machte. Im östlichen Denken des Nicht-Offenbaren kann man sagen, dass es eine zu wirklichkeitsnahe Seite gibt, um die revolutionäre Verwandlung des Minben in die Demokratie zu vollbringen. Dass sich die Demokratie im Westen entwickelt hat, lässt sich als Unterschied zwischen dem auf die Ethik gegründeten östlichen Denken und dem auf das Gesetz gegründeten zivilisatorischen Denken des Westens sehen. Tatsächlich wurde die friedliche Ablösung der Führenden im Osten erst nach dem 19. Jahrhundert möglich, nachdem man Einrichtungen eingeführt hatte, die auf die demokratische Philosophie des Westens gegründet waren.
Vergleicht man so den Ausgangspunkt des östlichen Minben mit dem des westlichen Minben vor der Demokratie, so versteht man die Kluft, die im Vergleich der Zivilisationen des Ostens und des Westens notwendig entsteht.
Im Vergleich der Zivilisationen des Ostens und des Westens setzen wir unter Berücksichtigung des Auftretens des Nationalstaats einen Abstand von zweitausend Jahren zwischen die Denker des Ostens und des Westens. In diesem Vergleich zeigen die Gegenüberstellungen von Begriffen oder Denkern wie Daoismus vs. Deismus, Konfuzianismus vs. Naturphilosophie, Gedanke des Nicht-Handelns (wuwei, 無爲) vs. Laissez-faire, Han Feizi vs. Machiavelli und Sunzis Kunst des Krieges vs. Clausewitz’ Vom Kriege einen Abstand von zweitausend Jahren. Daoismus, Konfuzianismus, der Gedanke des Nicht-Handelns, Han Feizi und Sunzi sind alle Gestalten vor unserer Zeitrechnung oder in jener Zeit gebildete Gedanken. Die westlichen Gestalten oder Gedanken, die ihnen gegenüberstehen, umfassen Deismus, Naturphilosophie, Laissez-faire, Machiavelli und Clausewitz, alles Gedanken oder Gestalten, die im Westen der frühen Neuzeit auftraten. Alle folgen nicht dem System der Offenbarungsreligion, sondern dem der Naturphilosophie. Erst mit ihrem Auftreten wird der Vergleich der Gedanken und Gestalten der Systeme der Naturphilosophie des Ostens und des Westens möglich.
Im Osten ist der Begriff des Nationalstaats so selbstverständlich, dass er nicht neu bedacht werden muss. Der Osten, der seit Jahrtausenden in Nationalstaaten lebt, ist an andere Arten von Staaten nicht gewöhnt. Doch der Nationalstaat ist ein wichtiger Begriff, den der Westen erst zu Beginn der Neuzeit kennenzulernen begann. Denn der Westen lässt sich durch Eroberungsstaaten in der griechisch-römischen Zeit und Religionsstaaten im Mittelalter kennzeichnen und hat erst zu Beginn der Neuzeit Nationalstaaten gegründet. Die Eroberungsstaaten des griechisch-römischen Altertums waren Staaten, in denen viele Völker zusammenlebten, aus Bürgern und Sklaven aller Art bestehend. Über tausend Jahre Mittelalter lang teilte der Westen die Staaten nach der Religion ein; es war also eine Form, in der viele Völker in einem Staat zusammenlebten.
Der Papst in Rom war tief in die Führung der christlichen Staaten verwickelt, und in der Reformationszeit bildeten sich die Staaten in katholische und protestantische geteilt. In einem katholischen Staat lebten viele Völker katholischen Glaubens zusammen, und die Protestanten konnten dort nicht leben. Ebenso lebten in einem protestantischen Staat viele Völker protestantischen Glaubens, und die Katholiken konnten dort nicht leben. Durch die langen Kriege zwischen Protestanten und Katholiken im 17. Jahrhundert brachte diese Form schließlich, um zu überleben, auf die Nation ausgerichtete und von der Religion unabhängige Staaten hervor. Mit anderen Worten: In ein und demselben Staat kamen Menschen derselben Nation, katholischen oder protestantischen Glaubens, dazu, zusammenzuleben. Endlich, nach Jahrhunderten des Krieges, trat der Nationalstaat auf, und ein neues System der Staatsführung entstand. Hier begründete der Westen endlich die Naturphilosophie und ein System der politisch-ökonomischen Philosophie des Minben.
Die Gründung der Nationalstaaten im Westen geschah im 17. Jahrhundert. Es traten Denker auf, die eine Naturphilosophie forderten. Bacon, der im Westen Naturphilosophie und Empirismus betonte, gehörte dieser Zeit an: „Der Mensch, als Diener und Ausleger der Natur, wirkt und versteht nur so viel, als er von der Ordnung der Natur durch die Sache oder den Geist beobachtet hat; darüber hinaus weiß und vermag er nichts.“ Nach Bacon ging Spinoza in der Verteidigung der Naturphilosophie einen Schritt weiter, indem er verkündete, Gott und die Natur seien eins: „Es ist unmöglich, dass der Mensch nicht ein Teil der Natur sei … die Macht Gottes, der Natur, erhält das Dasein des Menschen.“ Der Franzose Quesnay und der Engländer Adam Smith, die eine politische Ökonomie des Laissez-faire forderten, folgten ihnen: „Laissez faire, laissez passer, le monde va de lui-même“ (Lasst machen, lasst gehen, die Welt geht von selbst) wurde ihre Philosophie. Sie ließen sich vom Gedanken des Nicht-Handelns der östlichen Naturphilosophie anregen.
2) Die politische Ökonomie des Minben im Osten: das Guanzi, Xunzi, Han Feizi, Sima Qian und das Daodejing
Der Nationalstaat stützt sich, um zu überleben, natürlich auf eine politisch-ökonomische Philosophie des Minben. Die politisch-ökonomische Philosophie gab es in der westlichen Zivilisation vor dem 17. und 18. Jahrhundert nicht, denn es gab keine Nationalstaaten im griechisch-römischen Zeitalter der Eroberung noch im auf die Religion ausgerichteten Mittelalter. Die westlichen Denker vor der Neuzeit brauchten, da sie keine Nationalstaaten hatten, das politisch-ökonomische Denken, das in Nationalstaaten entsteht, nicht zu denken. Erst im 17. Jahrhundert entstanden im Westen Nationalstaaten, und auf dieser Grundlage entstand im 18. Jahrhundert in Frankreich das politisch-ökonomische Denken, das man Physiokratie nennt. Dann trat der Engländer Adam Smith als politisch-ökonomischer Denker des Westens hervor.
Platon und Aristoteles legten in Griechenland Lehren und Philosophien auf allen Gebieten dar, doch man findet bei ihnen kaum eine Spur politisch-ökonomischen Denkens. Da sie in einer Zivilisation des Zeitalters der Eroberung lebten, beschränkte sich das „politisch-ökonomische Denken“, das sie ersannen, auf einige Ansichten zur Frage der politischen Ethik, welche Güter der Mensch in der Gesellschaft haben soll. Sie brauchten sich nicht für eine politische Ökonomie zu interessieren, die sich an alle im Staat oder in der Polis richtete, das heißt an das „Volk“.
Doch im Nationalstaat wird, um zu überleben, das Interesse am ganzen „Volk“ des Staates vorrangig. Wie man das Volk in den Dienst der wirtschaftlichen Tätigkeit stellt, wird zu einem entscheidenden Ziel der Macht und des Überlebens des Staates. Genau darum muss das Minben-Denken erscheinen. Infolgedessen begann zum ersten Mal ein politisch-ökonomisches Denken auf der Grundlage des Minben-Denkens zu entstehen. In der Zeit der Streitenden Reiche, vom 6. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr., begannen die östlichen Denker, ein politisch-ökonomisches Denken darzulegen. Für sie war der erste und wichtigste Schritt, die Auffassung von der menschlichen Natur zu begründen, die dem politisch-ökonomischen Denken zugrunde liegt: die menschliche Natur auf der Grundlage der Naturphilosophie zu begründen. Auf dieser Grundlage errichteten sie nach und nach den Kern der politisch-ökonomischen Philosophie. Betrachten wir das Guanzi (管子), Xunzi (荀子), Han Feizi (韓非子), die Aufzeichnungen des Historikers (史記) des Sima Qian und das Daodejing (道德經) des Laozi.
Das Guanzi (管子, ein in der Frühlings- und Herbstperiode und der Zeit der Streitenden Reiche geschriebenes Buch). Guan Zhong (管仲) war eine Gestalt der Frühlings- und Herbstperiode, vor den Streitenden Reichen, einer Zeit, in der das Lehnswesen in Nationalstaaten überging. Er ist der Staatsmann, der den Staat Qi vierzig Jahre lang, von 685 bis 645 v. Chr., tatsächlich regierte. Das Buch, das die Philosophie der vielen Menschen darlegt, die eine der seinen ähnliche Philosophie teilten, ist das Guanzi (管子). Es verdient, als das erste Buch der politischen Ökonomie in Ost und West zu gelten. Das Guanzi scheint in der Frühlings- und Herbstperiode begonnen, die wetteifernden Denker der Hundert Schulen in der Zeit der Streitenden Reiche stark beeinflusst und in der Zeit der Streitenden Reiche herausgegeben und geordnet worden zu sein. Unter den im Guanzi geschriebenen Philosophien finden sich viele Gedanken einer Wirtschaftspolitik gegenüber dem ganzen Volk des Staates. Das östliche Minben unterscheidet sich von der westlichen Demokratie. Die westliche Demokratie drückt eine Vision oder ein Ideal aus, das der Mensch um jeden Preis erreichen muss. Das östliche Minben ist kein ideologisches Denken, für das jedes Land oder jeder Einzelne kämpfen müsste. Es hat vielmehr ein sehr wirklichkeitsnahes Ziel: dass Staat und Einzelner die Zeit der Streitenden Reiche überleben. Mit anderen Worten: Es hat das sehr wirklichkeitsnahe Ziel der „Selbsterhaltung“. Es beruht auf einem grundlegenden Realismus: Man kann die Zeit der Streitenden Reiche nur überleben, indem man die Macht des Staates vergrößert, und dafür muss man das ganze Volk als den wichtigsten Faktor des Staates sehen und heranziehen. Das Minben wird zur Grundlage der Überlebensphilosophie des Nationalstaats.
Ist der Staat reich, so kommen die Menschen von weit her. Ist das Land allen ohne Unterschied zum Anbau offen, so lassen sich die Menschen nieder. Sind die Speicher voll und hat das Volk zu essen, so wird es maßvoll und bescheiden. Sind Kleidung und Nahrung ausreichend, so kennt das Volk Achtung und Scham. (Guanzi 1,1) 416
Dieses Minben-Denken trifft sich mit dem Gedanken des Nicht-Handelns. Die Philosophie des Führenden, der die Menschen ohne Unterschied umfängt, muss ihre Grundlage im Gedanken des Nicht-Handelns finden, der der Philosophie der Natur folgt.
Sagt nicht: „Ihr gehört nicht zu unserer Familie.“ Wer es hörte, würde nicht mehr auf eure Worte hören. Sagt nicht: „Ihr gehört nicht zu unserem Bezirk.“ Wer es hörte, würde euren Befehlen nicht mehr folgen. Sagt nicht: „Ihr gehört nicht zu unserem Land.“ Wer es hörte, würde euch nicht mehr folgen. Handelt wie die Erde. Handelt wie der Himmel. Erde und Himmel unterscheiden niemanden und bevorzugen niemanden. Handelt wie die Sonne. Das ist die Richtschnur des wahren Führenden. (Guanzi 1,5)
Guanzi mehrte den Reichtum des Staates Qi stark, indem er den Vertrieb von Salz und Eisen zum Staatsmonopol machte. Und er nutzte es, um eine Wirtschaftspolitik zu begründen, die die Geldmenge nach dem Umfang des umlaufenden Getreides und der anderen Güter regelte. Das scheint der erste Fall einer planmäßig zur Lenkung des Volksvermögens gebrauchten Geldpolitik zu sein.417 Fiel der Getreidepreis jäh, so gab Guanzi Geld aus, um Getreide zu kaufen und den Preis zu heben; stieg der Getreidepreis jäh, so verkaufte er Getreide, um die Preise zu festigen. In Notzeiten, Hungersnot oder Krieg, sicherte er die Einnahmen, indem er zusätzliches Geld ausgab oder Güter verkaufte. Er bediente sich des Goldes und des Geldes von Qi, um die örtlichen Erzeugnisse Qis und seiner Nachbarn zu kaufen und zu verkaufen, und steigerte so den Gewinn Qis aufs Höchste. Guan Zhong betrieb eine Politik, die Haushalts- und Geldpolitik verband, indem er alle Steuern und die Kosten der öffentlichen Arbeiten in Geld statt in Naturalien empfing und zahlte. Das wird in den Kapiteln „Leicht und schwer“ (輕重) des Guanzi erklärt. Auf die Frage des Herzogs Huan: „Kann man die Preise von allem unter dem Himmel festigen?“, antwortete Guan Zhong mit der Kunst des Leichten und Schweren. Die Kunst des Leichten und Schweren (輕重之術) ist der Grundsatz der Marktwirtschaft, nach dem die Preise sinken, wenn die Güter reichlich sind, und steigen, wenn sie knapp werden; sie bedeutet das Streben nach einer guten Führung der Staatsfinanzen (理財), indem man sich in dieser wirtschaftlichen Lage des Geldes bedient.418 Auf dieser Grundlage machte Guan Zhong den Herzog Huan (桓公) von Qi zum ersten der fünf Hegemonen der Frühlings- und Herbstperiode.419
Xunzi (荀子, Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr.) erklärt im 10. Kapitel seines Buches, „Den Staat reich machen“ (富國), wie man die Wirtschaft des Staates führen muss, ähnlich wie es im 18. Jahrhundert Adam Smiths Der Wohlstand der Nationen (國富論) tut. In „Den Staat reich machen“ erklärt Xunzi, dass man, wenn das Volk nicht reich wird, keine Steuern von ihm erheben kann, und dass man, wenn man das Volk nicht schützt, es nicht arbeiten lassen kann.
Die Wirtschaft des Staates gesund machen heißt, die Ausgaben des Staates sparsam halten, das Volk reich machen und den Überschuss gut verwahren. Die Ausgaben des Staates sparsam halten heißt, seinen Haushalt verringern, und indem man den Staat gut führt, kann man das Volk reich machen. Wird das Volk reich, so haben die Finanzen des Staates Spielraum. 420
Und ein besonders bemerkenswerter Punkt ist, dass der Begriff der „unsichtbaren Hand“, den Adam Smith berühmt gemacht hat, von Xunzi zweitausend Jahre früher ähnlich erklärt wurde: Auch wenn jeder die Dinge nicht für sich selbst herstellt, tragen die Erzeugnisse schließlich zum Wohl aller bei. Bemerkenswert ist, dass Adam Smith die westliche Lehre vorbrachte, nach der durch die unsichtbare Hand „das Privatinteresse das Gemeinwohl schafft“, während Xunzi erklärt, dass durch den „Umlauf“ „die Mühe jedes Einzelnen“ „ein Gut, dessen sich alle bedienen“, hervorbringt:
Durch den natürlichen Umlauf kommen die Menschen dazu, sich vieler Güter des In- und Auslandes zu bedienen, ohne sie selbst zu erzeugen. Die am Meer leben, bedienen sich hölzerner Gefäße, und die in den Bergen leben, verzehren die Erzeugnisse des Meeres. Die Bauern bedienen sich, ohne selbst Holz oder Lehm zu bearbeiten, der Dinge, die Zimmerleute und Maurer machen. Ebenso genießen die Handwerker und die, die Handel treiben, die vielen Getreidearten, die die Bauern erzeugen, ohne sie selbst auf den Feldern wachsen zu lassen (Xunzi 9,12)
Xunzi meint, dass sich durch den Umlauf jeder der Güter bedient, die alle genießen, und äußert darin eine andere Ansicht als Adam Smith. Adam Smith im Westen äußert den Gedanken, das Gemeinwohl entstehe von selbst aus dem Privatinteresse, doch Xunzi betont die Bedeutung des Umlaufs. Er sah den Umlauf als Schöpfer des Gemeinwohls. Doch Xunzi äußert den Gedanken, dass auch der Umlauf durch die Gier des Einzelnen beschädigt werden kann.
Menschliche Natur und menschliche Gefühle bringen, sich selbst überlassen, Unordnung und Gewalt hervor; menschliche Natur und menschliche Gefühle können durch die Ethik gelenkt werden. Man muss guten Lehrern und guten Grundsätzen folgen. (Xunzi 23,1)
Er meint, dass das Gemeinwohl verletzt wird, wenn man das Privatinteresse nach der menschlichen Natur sich selbst überlässt. Darum kommt er dazu zu vertreten, dass die menschliche Natur um des Gemeinwohls willen durch Gesetz und Ethik gelenkt werden muss.
Han Feizi (韓非子, Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr.) legt in seinem Buch, dem Han Feizi, seine Philosophie des politisch-ökonomischen Denkens dar. Besonders fällt seine Philosophie der Unterscheidung von Gemeinwohl und Privatinteresse auf: „Im Altertum, als Cangjie die Schriftzeichen schuf, zeichnete er einen Kreis und nannte ihn privat, und was außerhalb des Kreises lag, nannte er öffentlich. Man wusste also schon damals, dass Privates und Öffentliches einander entgegenstehen.“ Das wird im nächsten Kapitel unter der Überschrift „Das Zusammenlaufen von Privatinteresse und Gemeinwohl im Westen vs. ihr Widerstreit im Osten“ ausführlich betrachtet.
Die Minister verfolgen eher das Gemeinwohl als das Privatinteresse, wenn der Herrscher weise und fähig ist. Die Minister klammern sich eher an das Privatinteresse, als das Gemeinwohl zu verfolgen, wenn der Herrscher beschränkt und unfähig ist. (Han Feizi 19, „Shi Xie“)
Han Feizis Lehre vom Widerstreit zwischen Privatinteresse und Gemeinwohl trifft sich mit seiner Philosophie, nach der für den Führenden, der den Staat lenkt, das Shuzhi (術治), die Regierung durch die politische Kunst, eines der wesentlichen Elemente ist:
Gesetze und Verwaltungsmaßnahmen sind das Mittel, die Wege zu beseitigen, auf denen die Minister ihr Privatinteresse verfolgen. Haben Gesetz und Verwaltungsmaßnahmen Erfolg, so verschwindet das Streben nach dem Privatinteresse. Das Privatinteresse ist der Faden, der zum Bruch des Gesetzes führt … Gebraucht der Herrscher seine Minister nach seinen persönlichen Neigungen, so widmen sich die Minister nicht dem Gemeinwohl, sondern der Befriedigung der Neigungen des Herrschers (Han Feizi 45,6)
Han Fei erklärt, das beste Mittel für das Überleben des Staates sei, dass das Volk durch eigene Mühe den Reichtum des Staates mehrt. Er erklärt als Ausgangspunkt seiner politisch-ökonomischen Philosophie, alle menschliche Mühe suche den eigenen Gewinn, und die Politik des Staates müsse das zur Grundlage nehmen:
Wenn der Gutsherr Arbeiter anstellt, um sein Land urbar zu machen und zu säen, und ihnen Nahrung und Geld gibt, so nicht, weil er seine Arbeiter liebt, sondern weil reichlich Nahrung und Geld zu geben die Arbeiter gut arbeiten lässt. Wenn die Arbeiter ihr Bestes tun, um das Land urbar zu machen und zu säen, so nicht, weil sie den Gutsherrn lieben, sondern weil man ihnen, wenn sie hart arbeiten, gute Nahrung und Geld zahlt … Letztlich nimmt jeder Mensch die Arbeit für sich selbst zur Grundlage. 421
Unter diesen Umständen, betont er, muss der Staat die Gleichheit der Chancen sichern und darf nicht die Gleichheit der Ergebnisse verfolgen:
Sind Einzelne arm, so im Grunde, weil sie faul sind oder unbedacht ausgeben. Leben Einzelne dagegen gut, so im Grunde, weil sie hart arbeiten und sparen. Nimmt der Herrscher denen, die gut leben, um es den Armen zu geben, so ist es, als nähme er denen, die hart arbeiten und sparen, um es denen zu geben, die faul sind und unbedacht ausgeben. Das Ergebnis wird dann sein, dass die Menschen bekommen, was sie wollen, ohne hart zu arbeiten und zu sparen. (Han Feizi 50,3)
Auf der Grundlage der Lehre vom Widerstreit zwischen Gemeinwohl und Privatinteresse stellt Han Fei fest, dass der Schutz des Gemeinwohls das Ziel des Staates und des Führenden ist. Da Han Fei am Ende der Zeit der Streitenden Reiche lebte, hatte sich im Nationalstaat schon eine Bürokratie festgesetzt. Er erklärt, wie Führender und Minister innerhalb der Bürokratie ihre Interessen verfolgen. Er lehrt genau das Wesentliche des Shuzhi (術治).
Die Aufzeichnungen des Historikers (史記, um 91 v. Chr.) sind das von Sima Qian geschriebene Geschichtsbuch und lassen sich mit dem Buch Herodots, des ersten Historikers des Westens, vergleichen. Besonders die Lebensbeschreibungen (列傳) der Aufzeichnungen ähneln als Berichte über das Leben der Helden ihrer Zeit in Ost und West sehr den Parallelbiographien Plutarchs. Doch die Aufzeichnungen enthalten ein politisch-ökonomisches Denken, das man weder bei Herodot noch in den Lebensbeschreibungen Plutarchs findet. Zur Zeit Sima Qians war die Bildung der Nationalstaaten im Osten schon vollendet, und das politisch-ökonomische Denken war in der Staatsführung zu einem ebenso wichtigen Faktor geworden wie der Krieg.
Das 69. Kapitel der Lebensbeschreibungen der Aufzeichnungen trägt den Titel „Lebensbeschreibungen der reich gewordenen Kaufleute“ (貨殖列傳). 貨 bedeutet den Reichtum und 殖 die Vermehrung. Mit anderen Worten: Es berichtet, warum der Reichtum wichtig ist, wie man ihn mehrt und reich wird und wie er gebraucht wurde. Man findet darin Sima Qians scharfsinnige Sicht auf die menschliche Natur, die das politisch-ökonomische Denken erklärt. Er stellt fest, dass in der menschlichen Natur Gewinn und Reichtum die Grundursachen sind, die den Menschen bewegen:
Eilen alle Menschen unter dem Himmel freudig herbei, so alle auf der Suche nach Gewinn;
zerstreuen sich alle Menschen unter dem Himmel wie eine einstürzende Mauer, so alle, um dem Gewinn nachzulaufen. (Aufzeichnungen des Historikers 129,2)
Sima Qian erkennt, indem er die Geschichte und die Regungen des menschlichen Herzens betrachtet, dass die Kraft, die den Menschen bewegt, letztlich von seinem eigenen Interesse beherrscht wird. Er meinte, die Lage, in der die Beamten, wenn man sie nicht für das Gemeinwohl arbeiten lässt, ihr Privatinteresse verfolgen, gehe auf dieselbe menschliche Natur zurück, die die gewöhnlichen Menschen dem Gewinn nachjagen lässt.
In der Regel setzt man einen anderen herab, wenn sein Reichtum das Zehnfache des eigenen beträgt; beim Hundertfachen fürchtet man ihn; beim Tausendfachen verrichtet man seine Arbeit; beim Zehntausendfachen wird man sein Sklave. Das ist das Gesetz aller Dinge. (Aufzeichnungen des Historikers 129,29)
Die Beamten verdrehen die Verwaltungsbefehle, stehlen und gebrauchen Siegel und begehen Verbrechen, und ihr Ziel ist, Geld zu erpressen. Bauern, Handwerker, Kaufleute und Hirten bemühen sich alle, bei ihrer Arbeit mehr Geld zu verdienen. Letztlich bemüht sich jeder Tag für Tag, seine Fähigkeit und sein Können zu gebrauchen, um ein wenig mehr Geldgewinn zu ziehen. (Aufzeichnungen des Historikers 129,27)
Da die menschliche Natur so ist, ist das, was die Regierung oder der Führende niemals tun darf, die „etatistische Gier“. Mit anderen Worten: Er betont, der Führende dürfe nicht mit dem Volk um den eigenen Gewinn wetteifern.
Der beste Weg, den Staat zu lenken, ist, das Volk tun zu lassen, was es will … Der schlechteste ist, dass die Führenden des Staates mit dem Volk um den Gewinn wetteifern. (Aufzeichnungen des Historikers 129,1)
Sima Qian erklärt, dass es, wie Xunzi und Han Feizi verkündet haben und wie sich zweitausend Jahre später Quesnay und Adam Smith bemühen werden, der beste Weg ist, die Führung der Volkswirtschaft auf den Gedanken des Nicht-Handelns (im Westen das Laissez-faire) zu gründen:
So erzeugt der Ackerbau die Nahrung, die Erde bringt Güter und Stoffe aller Art hervor, die Handwerker stellen die Dinge her, und die Kaufleute bringen sie in Umlauf. Diese Dinge geschehen von selbst, ohne dass die Regierung sie regelt, erzwingt oder sie an sich reißt, um sie an ihrer Stelle zu tun. Das Volk tut einfach sein Bestes, jeder, um zu erlangen, was er will … Sie geschehen von selbst, ohne dass man darum bittet. Mit anderen Worten: Sie folgen nur dem Dao. (Aufzeichnungen des Historikers 129,3)
Er vertritt, die Dinge flüssig umlaufen zu lassen, sei das Mittel, die Wirtschaft zu beleben. Das heißt, nicht den Nutzen des staatlichen Eingreifens zu lehren, sondern den der Marktwirtschaft.
Man muss Waren und Geld natürlich fließen lassen, wie das Wasser (Aufzeichnungen des Historikers 129)
Das Daodejing (6.–7. Jahrhundert v. Chr.): Das Guanzi, Xunzi, Han Feizi, die Aufzeichnungen des Historikers und andere zeichnen das große Bild des politisch-ökonomischen Denkens zweitausend Jahre vor dem Westen. Doch der Klassiker, der die politisch-ökonomische Philosophie am besten erklärt, ist das Daodejing des Laozi. Besonders legt es die politisch-ökonomische Philosophie zusammen mit dem Gedanken des Nicht-Handelns vor, der Richtschnur des Handelns des Daodejing. Das Guanzi, Xunzi, Han Feizi, die Aufzeichnungen des Historikers und andere teilen alle den Gedanken des Nicht-Handelns, doch seine Quelle liegt im Daodejing. Der Gedanke des Nicht-Handelns wird auf der Grundlage eines Verständnisses der menschlichen Natur und des Verhältnisses von Mensch und Natur vorgelegt. Hier ein Teil der im Daodejing ausgesprochenen politisch-ökonomischen Philosophie.
Zuerst das Leben des Volkes (Daodejing 53): Der Hof ist prächtig, doch die Felder sind von Unkraut überwuchert und die Speicher leer. Und doch trägt man auf der einen Seite Seide, führt scharfe Schwerter, isst bis zum Überdruss und hat Reichtümer im Überfluss. Was ist das anderes als Räuberei?
Einfache Gesetze (Daodejing 57): Je mehr Verbote und Tabus, desto ärmer wird das Volk. Je mehr scharfe Waffen das Volk handhabt, desto wirrer wird der Staat. Je mehr List unter den Menschen, desto mehr seltsame Dinge geschehen. Je mehr Gesetze und Befehle prangen, desto mehr Diebe gibt es.
Eine bescheidene Regierung (Daodejing 58): Je einfacher die Regierung, desto mehr nützt sie dem Volk. Je verwickelter die Regierung, desto mehr schadet sie dem Volk … Ist das Volk schwer zu regieren, so deshalb, weil die Oberen die Maßnahmen vervielfachen und sich einmischen.
Der Vorrang des Privaten (Daodejing 65): Der Führende, der dem Volk seine Pläne aufzwingt, ist eine Geißel für den Staat. Der Führende, der dem Volk seine Pläne nicht aufzwingt, ist ein Segen für den Staat.
Geringe Steuern (Daodejing 75): Hungert das Volk, so deshalb, weil die Oberen zu viele Steuern erheben und sie für sich allein ausgeben.
Das gesellschaftliche Gleichgewicht (Daodejing 77): Das Dao des Himmels nimmt denen, die viel haben, und hilft denen, die nichts haben. Das Dao des Menschen nimmt denen, die nichts haben, und hilft denen, die viel haben. Wer unter den Führenden kann den Überschuss ins Gleichgewicht bringen? Nur wer das Dao versteht.
Die Lauterkeit des Führenden (Daodejing 81): Der Führende sucht nicht Reichtum für sich selbst. Er findet seine Freude darin, für die anderen zu arbeiten. Darum wird er umso reicher, je mehr er den anderen gibt.
Vergleichen wir das Interesse, das das Daodejing und die fünf Bücher Mose der politischen Ökonomie entgegenbringen. In der Bibel ist es nicht leicht, eine unmittelbare Erwähnung politisch-ökonomischer Tätigkeit zu finden. Die vor der Bildung der Nationalstaaten vollendete Bibel gibt zwar im 2., 4. und 5. Buch Mose und anderswo einige unmittelbare „Gesetze“ über politisch-ökonomische Tätigkeit. Zum Beispiel:
Wenn du die Kinder Israel zählst, so soll ein jeglicher dem HERRN geben die Versöhnung seiner Seele. (2. Mose 30,12)
Du sollst alle Jahre den Zehnten absondern alles Ertrages deiner Saat, der aus deinem Acker kommt. …… Über drei Jahre sollst du aussondern alle Zehnten deines Einkommens desselben Jahrs und sollst’s lassen in deinem Tor. So soll kommen der Levit … und der Fremdling und der Waise und die Witwe, die in deinem Tor sind, und essen und sich sättigen, auf daß dich der HERR, dein Gott, segne in allen Werken deiner Hand, die du tust. …… Wenn du in deines Nächsten Weinberg gehst, so magst du der Trauben essen nach deinem Willen, bis du satt hast; aber du sollst nichts in dein Gefäß tun. Wenn du in die Saat deines Nächsten gehst, so magst du mit der Hand Ähren abrupfen; aber mit der Sichel sollst du nicht darin hin und her fahren. (5. Mose 14,22–29; 23,25–26)
So sollen sie ihre Sünde bekennen, die sie getan haben, und sollen die Schuld versöhnen mit der Hauptsumme und darüber das fünfte Teil dazutun und dem geben, an dem sie sich verschuldet haben. (4. Mose 5,6–7)
Das Wichtige im Vergleich von Ost und West ist, dass die begrenzten westlichen Gedanken über die politische Ökonomie alle die Gestalt des religiösen Gesetzes, das heißt des Gesetzes, annehmen. Da sich der Gott des Westens nicht für die politische Ökonomie interessierte, legen selbst diese Stellen der fünf Bücher Mose über die wirtschaftliche Tätigkeit den Schwerpunkt nicht auf die politische Ökonomie, sondern auf den Charakter des „Gesetzes“: was der Mensch beachten muss oder wofür er bestraft wird, wenn er es übertritt. Im selben Sinn war die griechisch-römische Kultur auf die Sklaverei gegründet und auf eine Überlieferung und Kultur, die eifrig einen Eigennutz förderten, dessen Hauptmittel Krieg, Eroberung und Plünderung waren. Indem es dem Eigennutz des Einzelnen freien Lauf lässt, ähnelt das neuzeitliche westliche politisch-ökonomische Denken dem antiken Denken Athens und Roms. Es ist ein Zustand, in dem das auf das Minben-Denken gegründete politisch-ökonomische Denken noch nicht entstanden war.
In der westlichen Aufklärung waren die Bücher und Philosophien östlicher Denker wie Guanzi, Xunzi, Han Fei und Sima Qian im Westen noch nicht eingeführt. In der Aufklärung wurden nur die Bücher des Konfuzianismus und des Daoismus im Westen eingeführt, und die westlichen Denker waren davon beeindruckt. Darum hatte die politisch-ökonomische Philosophie des Daoismus mit dem Gedanken des Nicht-Handelns, dem wesentlichen Grundsatz des Handelns des Daoismus, einen entscheidenden Einfluss auf die Strömung des westlichen politisch-ökonomischen Denkens, das sich damals zu bilden begann. Die Bildung des Nationalstaats leitet schließlich den Vorgang der Überwindung des Etatismus ein. In diesem Vorgang schöpfte der Westen seine Anregung aus dem östlichen Gedanken des Nicht-Handelns.
3) Das Auftreten des Nationalstaats im Westen: vom Merkantilismus zum Laissez-faire
Der Westen nennt das 15. bis 18. Jahrhundert das Zeitalter der Entdeckungen (Age of Discovery). Es bezeichnet das Zeitalter der Eroberung der Welt durch den Westen. Die westlichen Mächte begannen auf dem Schauplatz der ganzen Welt einen Wettlauf um Kolonien, um Gold und Silber, Gewürze und Sklaven. Als Mittel stützten sie sich vor allem auf Erschließung, Seeräuberei und Raub. Spanien und Portugal, angeführt von den Unternehmungen des Kolumbus und Vasco da Gamas im Atlantik und im Indischen Ozean, hatten als Erste Erfolg. Portugal ging voran, doch seine Bevölkerung war zu klein, und es wurde von Spanien überholt. Durch die Taten der sogenannten Konquistadoren wie Cortés (1485–1547) und Pizarro (1471–1541) bemächtigte sich Spanien des Goldes und Silbers des Azteken- und des Inkareichs. Conquistador bedeutet auf Spanisch Eroberer. Indem es das ungeheure Gold und Silber aus den Amerikas ins eigene Land brachte, stieg Spanien zur größten Macht Europas auf.
England seinerseits konzentrierte sich darauf, die Schiffe zu überfallen und zu kapern, die Spaniens Gold, Silber und Gewürze beförderten. Der berühmte Drake (1540–1596) ist seine bezeichnende Gestalt. Königin Elisabeth legte Geld in Drakes Seeräuberei an, sodass sie in manchen Jahren etwa die Hälfte der Einkünfte der Krone daraus bezog.422 Drake war eine außergewöhnliche Gestalt, tätig als Seeräuber, Entdecker, Admiral, Unternehmer und Politiker; er wurde zum Ritter geschlagen und zeichnete sich 1588 in der Seeschlacht gegen die spanische Armada glänzend aus. Für die Engländer war er ein Patriot ohnegleichen, für Spanien der gefährlichste Piratenhäuptling für seine Schiffe auf dem Atlantik, auf dessen Kopf ein hohes Kopfgeld ausgesetzt war.
Diese Rivalität zwischen Spanien und England, in der sich die kleinen Zusammenstöße auf allen Meeren häuften, mündete schließlich in einen offenen Krieg. In der für die westliche Geschichte sehr wichtigen Seeschlacht im Ärmelkanal 1588 (der Schlacht von Gravelines) entschieden die Vernichtung der spanischen Armada und der Sieg der englischen Flotte über das Schicksal der beiden Länder.423
Mit der Entwicklung der Seefahrt und der Erschließung überseeischer Kolonien stürzten sich die europäischen Staaten in den internationalen Handel. Sie konzentrierten sich auf die Suche nach Kolonien und die Ausdehnung ihres Gebiets und auf die Mehrung des Volksreichtums durch die Lenkung des internationalen Handels. Dieses Verhalten wurde „Merkantilismus“ (重商主義) genannt. Das Wort kommt vom lateinischen mercans, das den bezeichnet, der Handel treibt. Indem sie merkantilistische Politik verfolgten, gerieten die europäischen Mächte in einen Zustand fast unbegrenzten Krieges zwischen den Staaten. Vom Ende des 15. bis zum 18. Jahrhundert, fast dreihundert Jahre lang, dauerte dieser Kult des Merkantilismus an. Der Gedanke war, wie Spanien zur Großmacht aufzusteigen, indem man sich das Gold und Silber der Kolonien sicherte.
Die volkswirtschaftliche Politik, die sie einschlugen, der Merkantilismus, ist keine Philosophie mit einem Weltbild, das den Handel fördert, um das Leben des Volkes zu verbessern oder die Weltordnung zu erhalten. Um als stärkster Staat zu überleben und zu herrschen, machte sie die Eroberung anderer und den Raub der nötigen Güter oder die Sicherung des eigenen Vorteils durch günstige Handelsbedingungen zu ihrem wichtigsten Mittel im Wettbewerb. Das ist der Merkantilismus. Diese Politik will um jeden Preis im internationalen Handel einen Überschuss erzielen und dadurch den Reichtum des Staates, das heißt seinen Besitz an Gold und Silber, aufs Höchste steigern. Natürlich blühte ein äußerster Protektionismus. Unter dem Banner des Protektionismus setzten die westlichen Länder alle Kräfte daran, Handelsüberschüsse zu erzielen. Die merkantilistische Politik drückt sich so aus:
Wir dürfen nicht mehr vom Ausland einführen, als wir verkaufen. An dieser Politik müssen wir festhalten, denn wenn wir dagegen verstoßen, werden wir arm und der andere reich. 424
So verfolgt jedes Land eine Politik, die die Ausfuhr aufs Höchste steigert und die Einfuhr aufs Geringste senkt. Und nach dieser Haltung wetteifern die europäischen Länder darum, sich überseeische Kolonien zu sichern und den Handel innerhalb ihrer Reiche zu beherrschen. Der Merkantilismus brachte schließlich das Muster des atlantischen Dreieckshandels hervor. Das heißt: Baumwolle, Zucker, Tabak und anderes wurden aus den amerikanischen Kolonien nach Europa ausgeführt; Europa führte daraus gewonnene Fertigwaren wie Textilien und aus Zuckerrohr gebrannten Rum nach Afrika und in andere Kolonien aus; und Afrika führte Sklaven in die Amerikas aus: Diesen Handel betrieben die europäischen Länder an vorderster Stelle.
Staatliche und private Monopole wurden zum allgemeinen Muster der merkantilistischen Politik. Darum sahen neuzeitliche Ökonomen wie Adam Smith im Merkantilismus ein riesiges Wirtschaftssystem, in dem sich Staatsgewalt, Fabrikanten und Kaufleute zum Schaden der Verbraucher verbündeten. Tatsächlich wurden die Merkantilisten von Staatsbeamten und Kaufleuten vertreten. Tatsächlich besaßen die Kaufleute Monopole auf Binnenmärkten, von denen der ausländische Wettbewerb ausgeschlossen war, und zogen daraus gewaltige Gewinne, letztlich auf Kosten der Arbeiter und der Verbraucher. Und der Staat konnte hohe Zölle erheben und die Steuern, die die Kaufleute zahlten, für sich allein beanspruchen. Die Merkantilisten hielten es natürlich für nötig, um des Volksreichtums und des Überlebens des Staates willen, die Arbeiter in niedrigen Löhnen zu halten. Sie meinten, den Arbeitern und den unteren Schichten Bildung, Muße oder Löhne über dem Mindestmaß zu gewähren, führe die Nation in Trägheit und Laster. Darum unterdrückten sie im Inneren tatkräftig das Steigen der Löhne, um ihre Wettbewerbsfähigkeit im Handel zu erhöhen.
In politisch-ökonomischer Hinsicht lässt sich die Erscheinung, die sowohl die frühe Politik der Kolonisierung und Ausbeutung als auch die spätere protektionistische Politik durchzieht, als Etatismus (statism) bezeichnen. Die koloniale und merkantilistische Politik des Westens läuft in politisch-ökonomischer Hinsicht letztlich auf den Etatismus hinaus:
Der Merkantilismus erreichte seinen Höhepunkt im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts. Er war eine Form des Etatismus: ein System, das sich einer von Irrtümern erfüllten wirtschaftlichen Logik bediente, um die imperiale Macht aufzubauen, und das den vom Staat ausgewählten Gruppen oder Einzelnen Monopole oder Subventionen gewährte.425
Indem sie merkantilistische Politik verfolgten, suchten die Monarchen jedes Landes die Wirtschafts- und Handelspolitik des Staates zu ihrem eigenen Vorteil streng zu beherrschen. Gewiss stellten die damaligen Monarchen inmitten wiederholter Kriege und eines drängenden Wettbewerbs auch die Sicherheit und den Reichtum des Staates, ein reiches Land und ein starkes Heer, in den Vordergrund. Damals gab es keine Unterscheidung zwischen dem Staat und dem Monarchen. Ludwig XIV. ist berühmt für den Ausspruch: „Der Staat bin ich.“ Es gab keine Unterscheidung zwischen dem Vorwand, dem Staat zu dienen, und dem Streben nach dem Eigennutz oder der Gier des Einzelnen durch den Etatismus.
Damit sich die westliche politische Ökonomie von diesen Fesseln befreien konnte, musste im Westen zuerst der Nationalstaat gegründet werden. Als der Nationalstaat im Westen mit dem Westfälischen Frieden von 1648 endlich begann, kam ein großer Wandel über die westliche politische Ökonomie. Der Nationalstaat öffnete die Augen für ein Denksystem, das sich von dem des Eroberungsstaates ganz unterschied, um zu überleben. In der politischen Ökonomie öffneten die westlichen Denker die Augen für den Gedanken, das Eingreifen der Regierung auszuschließen und die wirtschaftliche Selbstständigkeit des Volkes zu sichern, um das Interesse des Staates zu mehren. So zog sich der Merkantilismus des Zeitalters der Eroberung zurück, der den Westen drei Jahrhunderte lang beherrscht hatte, und das Laissez-faire blühte in der westlichen politischen Ökonomie endlich auf. 426
Das Denken, das im Zeitalter der Eroberung die westliche politische Ökonomie beherrschte, war der Etatismus: ein Mittel zu überleben in einer Zeit, in der man die Monarchie erhielt und das Überleben des Königs mit dem des Staates gleichsetzte. Doch im 17. und 18. Jahrhundert konnte sich der Westen mit der Einführung des Nationalismus für die Volkswirtschaft nicht mehr auf den Etatismus verlassen. Um zu überleben, wagte er kühne Reformen des Staates. In dieser Übergangszeit brachen im Westen häufig Revolutionen aus, und Gedanken aller Art wucherten. Vor allem musste man aus der merkantilistischen Einrichtung des Eroberungsstaates herauskommen. Mit dem Aufkommen des Nationalismus wurde ein neues Denksystem nötig, das der Nationalstaat brauchte, um des Überlebens des Nationalstaats willen. Der Nationalismus des 18. Jahrhunderts im Westen versuchte schließlich in der politischen Ökonomie das Laissez-faire anstelle des Etatismus.
4) Das Laissez-faire ist vom daoistischen Gedanken des Nicht-Handelns angeregt
In der Aufklärung, zu Beginn der Neuzeit, rang der Westen darum, der strengen Herrschaft des Staates zu entkommen, die der Merkantilismus war. Die Ersten, die dem Merkantilismus eine geistige Herausforderung entgegenwarfen, waren die französischen Physiokraten (Physiocrats). Sie kamen zu dem Gedanken, dass man die Macht des Staates auf andere Weise mehren könne, statt dass die Staaten unter der Losung des Merkantilismus grenzenlos in Eroberung und Ausbeutung wetteiferten. Sie vertraten, man könne den Reichtum des Staates mehren, indem man das Ackerland des eigenen Landes, die Kolonien eingeschlossen, aufs Beste nutzte und so die landwirtschaftliche Erzeugung steigerte. Sie erfuhren, dass die Landwirtschaft im Osten eine hohe Ergiebigkeit erreichte. Und sie wurden zutiefst gefesselt vom Gedanken des Nicht-Handelns, der ihren Hintergrund bildete.
Gerade als die westlichen Denker die wirtschaftliche Selbstständigkeit des Volkes zu vertreten begannen, wurde der östliche Gedanke des Nicht-Handelns im Westen bekannt. In den Westen eingeführt, erschien die Philosophie des Nicht-Handelns, die jedes künstliche Eingreifen, auch das der Regierung, ausschließen will, den westlichen Denkern als eine bahnbrechende und revolutionäre Philosophie. Die französischen Physiokraten konzentrierten sich auf die Selbstständigkeit des Einzelnen, den Kern der politisch-ökonomischen Philosophie. Sie verbreiteten im Westen den Gedanken des Laissez-faire, eine Bearbeitung des Gedankens des Nicht-Handelns. Die französischen Physiokraten gaben den daoistischen „Gedanken des Nicht-Handelns“ mit „Laissez-faire“ wieder, und der Gedanke des Laissez-faire begann sich in Frankreich zu verbreiten. Laisser faire heißt, die Dinge von selbst geschehen zu lassen: Das ist genau das Nicht-Handeln. Das Laissez-faire trat im Westen als ein neuer und revolutionärer Gedanke auf, der den Merkantilismus ersetzen konnte. Auch Adam Smith kam nach Frankreich, traf die Physiokraten und lernte ihn kennen. Als die englischsprachige Welt diesen wichtigen Gedanken einführte, prägte sie kein neues Wort, sondern gebrauchte das französische laissez-faire unverändert im Englischen.
Die politisch-ökonomische Philosophie ist eine Philosophie, die sich im Osten mit der Bildung der Nationalstaaten entwickelt hat, lange vor dem Westen. Der zentrale daoistische Gedanke des Nicht-Handelns wird auf die politisch-ökonomische Philosophie angewandt. Der Gedanke des Nicht-Handelns warnt vor dem Handeln (youwei, 有爲), und er ist ein politischer, wirtschaftlicher und ethischer Gedanke, so wichtig, dass der Einzelne und der Führende ihn zu ihrem Grundsatz des Handelns machen sollen. Der Gedanke des Nicht-Handelns, der Grundsatz des Handelns des Daoismus, enthält eine so wichtige wirtschaftliche Tragweite, dass er später im Westen mit dem Laissez-faire übersetzt wurde. Der Gedanke des Nicht-Handelns will das menschliche Eingreifen aufs Geringste beschränken; das Laissez-faire will das Eingreifen des Staates aufs Geringste beschränken. Der Gedanke des Nicht-Handelns betrifft das ganze menschliche Handeln, die Wirtschaft eingeschlossen; das Laissez-faire beschränkt sich auf das wirtschaftliche Handeln des Menschen.
Die Physiokraten konzentrierten sich darauf, wie man das Eingreifen des Staates verringern und die schöpferische Kraft der Einzelnen steigern könne. Das Wesentliche war, wie man ausdrücken könne, dass die Mühe des Einzelnen für die Wirtschaft wichtig ist. Dahinter stand eine Philosophie, die den Volksreichtum mehren wollte, indem sie die Natur und die Landwirtschaft schätzte, statt sich Gold und Silber durch Eroberung in Übersee zu sichern. Die Frage war, wie man das ausdrücken und in ein System bringen könne. Da übte der daoistische Gedanke des Nicht-Handelns einen großen Einfluss auf die französischen physiokratischen Philosophen aus. Wie die Physiokraten aus dem Gedanken des Nicht-Handelns den neuen Begriff des Laissez-faire im Westen verbreiteten, haben in jüngerer Zeit Menschen des Westens nach und nach bekannt gemacht. Der westliche Philosoph Durant erklärt die Entstehung des Laissez-faire in seinem Buch Our Oriental Heritage (Das Erbe des Ostens).
Die französischen Physiokraten wurden vom Daoismus, von Laozi und Zhuangzi beeinflusst. Sie glaubten an den Gedanken des Nicht-Handelns (無爲), das heißt an das Laissez-faire. 427
In der politischen Ökonomie wurden die französischen physiokratischen Philosophen gefesselt vom chinesischen Agrarsystem, von der ethischen Rolle der Regierung, die es lenkte, und vom Gedanken des Nicht-Handelns, der darin enthaltenen Wirtschaftsphilosophie. Sie fassten dies im Gedanken des Laissez-faire zusammen und brachten ihn in der westlichen Aufklärung in Mode:
Ein kluger Führender muss wissen, dass das Wesen des Regierens zum großen Teil darin besteht, die Dinge zu lassen, wie sie sind, und nichts zu tun. Diese Philosophie liegt dem östlichen daoistischen Gedanken des Nicht-Handelns (無爲, wuwei) inne. Die Franzosen übersetzten sie mit laissez-faire und gaben sie an den Westen weiter …… Dieser Gedanke des Nicht-Handelns bewegte Quesnay und bildete durch Adam Smith, der ihn von Quesnay lernte, schließlich die Grundlage der neuzeitlichen westlichen politischen Ökonomie. 428
Die französischen Physiokraten meinten, der Reichtum des Staates komme aus der Landwirtschaft, und vertraten, die Landwirtschaft bringe ihre größte Wirkung hervor, wenn der Mensch nach der Vorsehung der Natur und dem Mechanismus des Marktes arbeitet, ohne Eingreifen der Regierung. Das Wort Physiokratie (Physiocracy) ist eine Zusammensetzung, die „Natur“ und „Herrschaft“ bedeutet. Es ist der Gedanke, den Volksreichtum gestützt auf die Natur zu verwalten, wie es die Landwirtschaft tut.
Die französische Physiokratie: Quesnay, Gournay, Poivre
Im 18. Jahrhundert war Frankreich der politische und kulturelle Mittelpunkt des Westens. In Frankreich traten zum ersten Mal in der westlichen Geschichte Philosophen auf, die die politische Ökonomie dachten. 1758 veröffentlichte Quesnay das Tableau économique, das die Bewegungen der Wirtschaft innerhalb eines Staates nachzeichnet. Er wurde der erste politisch-ökonomische Philosoph des Westens. Quesnay, der Meister der französischen Physiokratie, ist der, der im Westen des 18. Jahrhunderts aus dem chinesischen Gedanken des Nicht-Handelns das Laissez-faire einführte, den Grundgedanken der neuzeitlichen Wirtschaftswissenschaft. Quesnay meinte, das Nicht-Handeln lasse sich im Französischen mit laissez-faire übersetzen.429 Das Laissez-faire war ein Begriff, der die Geschichte der westlichen politischen Ökonomie erschütterte, und da es in Frankreich entstand, gebraucht auch das Englische unverändert das französische Wort.
Quesnay (1694–1774) vertritt die französischen Physiokraten. Er war gefesselt vom Gedanken des Nicht-Handelns, den der Daoismus vertritt, und begann, den ihm nachgebildeten Gedanken des Laissez-faire im Westen zu verbreiten.430 Die französischen Physiokraten vertraten: „Laissez faire, laissez passer, le monde va de lui-même“ (Lasst machen, lasst gehen, die Welt läuft von selbst). Der Gedanke, die politische Ökonomie vom Eingreifen der Regierung zu befreien, beherrschte sie. Er folgte unverändert der östlichen Philosophie des Nicht-Handelns: „Je mehr die Regierung eingreift, desto härter wird das Leben des Volkes.“
Diese auf den neuen Gedanken des Laissez-faire gegründete These Quesnays war für ihre Zeit revolutionär. Der von den französischen physiokratischen Denkern vorgebrachte Gedanke des Laissez-faire verbreitete sich nach England. Er hatte einen unmittelbaren und tiefen Einfluss auf das westliche System der freien Marktwirtschaft mit England als Mittelpunkt.431 Tatsächlich besuchte Adam Smith Quesnay in den 1760er Jahren in Paris und besprach mit ihm den Gedanken des Laissez-faire.432 Der Begriff des Laissez-faire war schon vor Quesnay, Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts, unter französischen Geschäftsleuten in gewissem Maß gebraucht worden.433 Doch lässt sich im Hintergrund der Verbreitung des Gedankens des Laissez-faire die Verbindung mit dem daoistischen Gedanken des Nicht-Handelns schwer leugnen.
Die französischen physiokratischen Denker meinten, man müsse nicht unbedingt wie die Merkantilisten anderen ihr Gut nehmen, um reich zu werden: Viele Ernten auf dem eigenen Land zu erzeugen, könne die Quelle des Volksreichtums sein. Das war ein revolutionärer Gedanke. Der Merkantilismus wollte den Volksreichtum mehren, indem er sich in durch militärische Eroberung gewonnenen Kolonien möglichst viel Gold und Silber sicherte. Erweitert man den im Begriff des Merkantilismus enthaltenen Sinn, so teilen Alexander, Caesar, Karl der Große im Mittelalter, die spanische Eroberung Mittel- und Südamerikas und die kolonialen Eroberungen Englands und der europäischen Länder alle den Kernbegriff des Merkantilismus: Der Staat, der viel Gold und Silber besitzt, wird zur Großmacht. Mit anderen Worten: Die Rolle des Staates, der andere Länder erobert, wird für den Volksreichtum so wichtig wie nur möglich. Das ist der politisch-philosophische Begriff der Eroberungsstaaten des Altertums, des Mittelalters und der frühen Neuzeit im Westen, in denen die schöpferische Kraft der Einzelnen innerhalb des Staates keinen eigenen Wert hat.
Gournay (1712–1759), ein Schüler Quesnays, ist der, der das Laissez-faire im Westen weit verbreitete. Zu der Zeit, als Quesnay und Gournay wirkten, beeinflussten die fortgeschrittene Landwirtschaft Chinas, die Laissez-faire-Politik der Regierung, die sie lenkte, und die Begriffe der daoistischen naturalistischen Philosophie unmittelbar oder mittelbar das französische Denken. Unter ihrem Einfluss kamen die daoistische Losung „Nicht zu viel regieren!“ und der Ruf „Lasst die Natur walten!“ unter den französischen Gebildeten weithin in Mode. Darauf gestützt und der Lehre seines Meisters Quesnay folgend, verbreitete Gournay eifrig die Losung „Laissez faire, laissez passer!“, um nach seiner Überzeugung die staatliche Reglementierung von Handel und Gewerbe zu beseitigen. Seine Losung kam im französischen Denken auch in einer weiter entwickelten Form in Mode: „Laissez faire, laissez passer, le monde va de lui-même!“
Die physiokratische Philosophie, die Gournay ausrief, „Laissez faire! Laissez passer! Le monde va de lui-même!“, bedeutet eine grundlegende Umkehr der politischen Philosophie des Eroberungsstaates und des Merkantilismus, die die Rolle der Regierung stärken wollte. Seine physiokratische Philosophie hat denselben Inhalt wie die daoistische Philosophie „Durch Gewährenlassen wandelt sich das Volk von selbst“ (Daodejing, Kapitel 57). Der physiokratische Ruf „Lasst die Natur walten!“ stimmt genau mit der daoistischen Philosophie überein: „Das Dao des Himmels nützt und schadet nicht“ (Daodejing, Kapitel 81). Die physiokratische Losung „Nicht zu viel regieren!“ ist derselbe Ausdruck wie der daoistische Gedanke „Der Führende, der dem Volk seine Pläne aufzwingt, schadet dem Staat“ (Daodejing, Kapitel 65). Der Gedanke des Nicht-Handelns ist eine Philosophie, die auch der Konfuzianismus teilt: „Was redet der Himmel? Die vier Jahreszeiten gehen ihren Gang, und alle Dinge gedeihen; was redet der Himmel?“ (Gespräche 17,19)
Poivre (1719–1786) ist eine weitere wichtige Gestalt, die nach Gournay den Gedanken des Nicht-Handelns im Westen verbreitete. Er reiste vier Jahre lang weit durch die chinesischen Provinzen. Er erlebte eine Agrarwirtschaft, die fortgeschrittener war als die des Westens, und die Laissez-faire-Politik und -Rolle der Regierung, die sie stützten, und machte sie in Frankreich bekannt. Tatsächlich sahen Quesnay und die französischen Physiokraten in der chinesischen Landwirtschaft und ihren philosophischen Pfeilern, dem konfuzianischen und daoistischen Denken, die Zukunft und das Vorbild der westlichen politischen Ökonomie. Quesnay erhielt von Poivre viele Auskünfte, und ihre Begegnungen beeinflussten beide tief. Poivre gab Quesnay die lebendigen Auskünfte und Gedanken eines Augenzeugen über die chinesische Landwirtschaft und das daoistische Denken, und Quesnay hatte einen entscheidenden Einfluss darauf, Poivre zu einem physiokratischen Philosophen zu machen.
Poivre interessierte sich sehr für den Gartenbau, und in seiner Jugend wurde er als katholischer Missionar nach China gesandt und arbeitete in der Gegend von Kanton und Macao. Anders als die übrigen Jesuitenpatres, die in Peking lebten und sich auf den Konfuzianismus konzentrierten, interessierte sich Poivre für den Gartenbau, reiste in zwei Abschnitten vier Jahre lang weit durch die Provinzen und schenkte der Landwirtschaft große Aufmerksamkeit. Danach setzte er seine Forschungen in Südostasien, in Afrika und in Mittelamerika fort. Und er ordnete seine Gedanken und veröffentlichte ein Buch, Voyages d’un philosophe (Reisen eines Philosophen).
In diesem Werk verglich Poivre, nachdem er die Agrarwirtschaft Chinas beobachtet hatte, sie mit der landwirtschaftlichen Lage Afrikas, der Amerikas und Europas und schloss, dass alle das wirksame und hoch ergiebige Agrarsystem Chinas nachahmen müssten.434 Er war ein Lobredner der Landwirtschaft. Er kritisierte, wie die europäischen Mächte im Rahmen des Merkantilismus ihre politisch-ökonomische Politik betrieben, indem sie sich allein auf den Wettbewerb im Handel konzentrierten, ohne auf die Erzeugung zu achten, und vertrat, man könne die Erzeugung durch die Landwirtschaft erheblich steigern. Darin fand sich Poivre in Übereinstimmung mit dem physiokratischen Denker Quesnay.
In seinem Werk schrieb Poivre: „In China verdankt sich das Gedeihen der Landwirtschaft, die das Rückgrat des Landes ist, einer einfachen Ethik und einfachen Regeln, und diese Ethik und diese Regeln wurden nach dem gemacht, was Natur und Geist gebieten.“ Er kritisierte die normierende Regierungspolitik des damaligen Westens im Vergleich mit der natürlichen Laissez-faire-Politik der chinesischen Regierung und vertrat, der Westen müsse diese natürliche Politik der chinesischen Regierung und den regen Arbeitssinn des Volkes nachahmen. „Anderswo folgen die Völker zweifelhaften Regeln oder Maßnahmen mit verborgenen Absichten, gemacht von listigen Menschen, die andere zu täuschen suchen, was einen deutlichen Gegensatz zu China bildet“, schrieb er. 435
Er entdeckte, dass die Landwirtschaft und das Denksystem Chinas die Natur nachahmten und dem Weg der Natur folgten, und dass dieser Weg die Unterstützung der Regierung hatte, die sich bemühte, sich des Eingreifens in die wirtschaftliche Tätigkeit der Einzelnen so weit wie möglich zu enthalten und die Steuern zu senken. Er sah dieses chinesische politisch-ökonomische Denken in den daoistischen Begriffen des Dao und des Nicht-Handelns verdichtet. Darum beobachtete er, dass in China der Monarch den Gedanken aufgab, in die Volkswirtschaft einzugreifen oder sie zu lenken, und sich darauf konzentrierte, das Volk seinem eigenen Weg, das heißt dem Dao, folgen zu lassen.436
Die französischen physiokratischen Denker meinten, dass der Kaiser von China jeden Frühling die Aussaat vorführte und so ein Beispiel gab, um den Arbeitssinn des Volkes zu pflegen, und dass dies die Achtung vor der Natur bedeute. Doch in der östlichen Zivilisation schloss die Achtung vor der Natur nicht, wie in der westlichen Religion, ein, dass die Natur göttlich oder heilig sei. Denn, so meinten sie, im chinesischen Denksystem achtete man keine Philosophien, die das Übernatürliche heiligen; man empfand für sie eher Verachtung. Die östliche Zivilisation hielt ein sich selbst regelndes System, das nach den in der Natur bestehenden Gesetzen wirkt, für den besten Weg und dachte, dass es so allen den größten Nutzen bringt. Darum ist die beste Art zu herrschen für den Herrscher, nicht über das Beispiel hinaus einzugreifen, das er dem Volk gibt: Das ist genau der Gedanke des Nicht-Handelns.
Für die Denker der Aufklärung beschränkte sich die Bedeutung des Gedankens des Nicht-Handelns nicht auf Physiokraten wie Quesnay, Gournay und Poivre. Sie meinten, das Recht und das politisch-ökonomische Denken müssten beide die Naturphilosophie und den Gedanken des Nicht-Handelns nachahmen. Sie meinten, „der Gesetzgeber und das Gesetz müssen beide den Grundsatz anerkennen, der der Weg der Natur ist“, und man könne so „das Nicht-Handeln, die ideale Handlungsweise Chinas“ nachahmen. Sie urteilten: „In China ist der Gedanke des Nicht-Handelns genau der zentrale Gedanke der politischen Ökonomie der Regierung.“437